Nach dem Zweiten Weltkrieg schwang das Pendel der amerikanischen Politik weit in Richtung weltweiter Interventionen aus und kehrte nur in Ausnahmefällen wieder zurück. So war es nach dem Vietnamkrieg (1955–1975) und nach der Militäroperation in Afghanistan (2001–2021). In beiden Fällen erforderte die Intervention enorme finanzielle und personelle Ressourcen, was zu einer „Kriegsmüdigkeit“ und dem Wunsch führte, zur Isolation zurückzukehren, d. h. vorübergehend auf die Rolle des Weltpolizisten zu verzichten. Trumps Hinwendung zu einer isolationistischen Rhetorik nach dem Scheitern des Afghanistan-Einsatzes sowie sein Bestreben, die Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten auf friedlichem Wege beizulegen, sind direkte Belege dafür. Das iranische und erst recht das ukrainische Syndrom hätten seinen Anspruch, als Präsident des Friedens in die Geschichte einzugehen, mit Sicherheit zunichte gemacht.
Die entscheidende Frage ist jedoch eine andere: Wie lange wird dieses Schwanken zwischen Intervention und Isolation noch andauern, wenn man Carl Schmitts Aussage berücksichtigt, dass sich dieses Dilemma mit jedem weiteren Schritt der historischen Entwicklung verschärfen wird? Mit anderen Worten: Welche Höhen kann dieses Schwanken noch erreichen, und wird es jemals ein Ende finden? Wird dieser Moment schließlich während der Amtszeit von Trump eintreten, beispielsweise im Zuge eines Krieges im Iran?
Folgt man Schmitt, wird das Schwanken erst dann ein Ende finden, wenn die USA neben sich selbst auch die Existenz anderer Großräume anerkennen, Pluralismus statt Universum und Polypol statt Monopol wählen und im Grunde genommen auf den Anspruch auf die Weltherrschaft verzichten. Was könnte in diesem Fall geschehen? Amerika wird seinen Status als Weltmacht behalten, aber gezwungen sein, sich mit Vertretern anderer Großräume, also mit anderen Weltmächten, über die Regeln einer neuen Weltordnung zu einigen. Für Trump, der als herausragender Präsident der USA in die Weltgeschichte eingehen möchte, wäre dies eine durchaus akzeptable Option.
Im Kampf um eine neue Weltordnung wird das rein amerikanische Dilemma zwischen Isolationspolitik und Intervention eine entscheidende Rolle spielen. Denn das Konzept der einzigen Supermacht zieht die USA unweigerlich in Richtung weltweiter Intervention, während der Isolationismus den Befürwortern einer multipolaren Welt in die Hände spielt. Die neue Ausrichtung der US-Politik in Richtung weltweiter Intervention erhöht das Risiko eines dritten, nun bereits thermonuklearen Krieges drastisch. Der Isolationismus verspricht hingegen einen mehr oder weniger friedlichen Übergang zu einer auf Multipolarität basierenden Weltordnung. Angesichts der Tatsache, dass Russland seine nukleare Parität mit den USA wiederhergestellt hat und China sein wirtschaftliches und militärisches Potenzial weiter ausbaut, ist der sogenannte Isolationismus von Trump eine gute Grundlage für den Beginn eines friedlichen Dialogs der USA mit Russland und China über die Zukunft unseres Planeten.
Aber gibt es überhaupt eine Chance auf eine solche friedliche Entwicklung der Geschichte? Wie stark sind die Befürworter des Isolationismus in Amerika? Sind sie in der Lage, den jahrhundertelangen Trend der USA zur weltweiten Intervention umzukehren? Wird die MAGA-Bewegung nach den Zwischenwahlen ihren Einfluss auf die Trump-Regierung behalten und ihre antiglobalistischen Ideale verteidigen? Welche Schlussfolgerungen wird die Trump-Regierung aus dem Konflikt im Nahen Osten ziehen? Wird Trump genug Zeit haben, um sich in der Weltgeschichte als Präsident des Friedens zu etablieren? Ist es schließlich vorstellbar, dass Trump, Putin und Xi Jinping sich an den Verhandlungstisch setzen, um sich auf die Grundlagen einer neuen Weltordnung zu einigen? In diesem Fall könnten die Friedensverhandlungen in Teheran und die anschließende Konferenz in Jalta durchaus zu einem Schlüsselmoment der Geschichte werden. Und so weiter. Es gibt viele Fragen, doch in den Antworten darauf lässt sich ein Trend erkennen: Wir leben in einer Zeit, in der die Welt zur Multipolarität gezwungen wird.
Großräume schreiten voran
Die Ära der Regeln endet. Das Imperium schreitet voran. Mit dieser Aussage trat der bekannte Schriftsteller und Politologe Herfried Münkler zu Beginn des Jahres in der Presse auf und stützte sich dabei auf Karl Schmitts Theorie der „Großräume“.
Münkler ist einer der wenigen Experten, die es wagen, in ihren Ausführungen den Namen ihres großen Landsmannes zu erwähnen. Die „ideologische Quarantäne“ um Carl Schmitt ist in Deutschland noch nicht aufgehoben, weshalb jede breitere Diskussion über seine Lehren in der Presse, wenn nicht gar totgeschwiegen, so doch zumindest eingeschränkt wird. Münkler, der als „Experte der Stunde und der Erklärer unserer Gegenwart“ bekannt ist, hebt den Diskurs über die Weltordnung bereits durch die bloße Erwähnung von Schmitt auf die Ebene der Schmittschen Philosophie des Völkerrechts: Ob der Planet reif ist für das globale Monopol einer einzigen Macht, oder ob ein Pluralismus in sich geordnete, koexistierende Großräume, Interventionssphären und Kulturkreise das neue Völkerrecht der Erde bestimmt?
Natürlich interessiert sich Münkler vor allem für das Schicksal Europas. Auf seinen Artikel für die Süddeutsche Zeitung „Das Imperium schreitet voran“ (1) folgten weitere Veröffentlichungen und Auftritte in Talkshows, die in der Öffentlichkeit die These bekräftigten, dass Europa entschlossen handeln müsse, wenn es nicht zum Spielball im großen Spiel der Imperien werden wolle. Es muss unabhängig werden, vor allem in militärischer Hinsicht – bis hin zur Fähigkeit zur atomaren Abschreckung gegenüber Russland.
Münkler ist überzeugt: „Was Trump anstrebt ist eine machtbasierte Weltordnung der drei Imperien. Russland, China und die USA sollen in dieser nach Einflussgebieten geordneten Welt das Sagen haben, wobei die USA die Hauptrolle spielen sollen. Das könnte in Kooperation mit Russland erfolgen, würde aber wohl auf einen Dauerkonflikt mit China hinauslaufen.“ (2) In einem Interview mit den Hauptnachrichten des Österreichischen Fernsehens, der ZIB 2, präzisiert Münkler noch einmal, was er meint, wenn er von einer Rückkehr der imperialen Machtpolitik spricht: Es geht um die Herstellung von Einflusszonen. (3) Mit anderen Worten: Nicht nur die USA, sondern auch China und Russland verfügen nun über eigene Einflusssphären, was den Beginn einer neuen imperialen Ära markiert.
Münkler ist überzeugt: Der neue Trend in der Weltpolitik verheißt nichts Gutes für Europa. Sollte die Welt wieder autoritär geprägt sein, hätte dies schwerwiegende Folgen für die geopolitische Lage Europas. Seine etablierte Sonderstellung, so Münkler, wäre gefährdet, und zwar: „Europa wird in diesem Projekt der Ordnung von Großräumen im Sinne Carl Schmitts für sie keine besondere Rolle mehr spielen, wie man das ja auch in der am Ende des vergangenen Jahres veröffentlichten neuen Sicherheitsstrategie der USA nachlesen kann.“ (4)
Der Imperien-Experte Münkler schlägt genau eine solche Strategie vor, die es dem Kontinent seiner Ansicht nach ermöglichen wird, dem Druck der Imperien standzuhalten. Im Grunde unterscheidet sie sich kaum von der Logik der „militärischen Abschreckung“ Russlands durch die offizielle europäische Politik. Dennoch spiegeln seine Überlegungen zu den Großräumen einen allgemeinen Trend in der Weltpolitik wider: die Erzwingung einer multipolaren Weltordnung. Schon Münkler selbst bemerkt, dass in dieser in Einflusssphären aufgeteilten Welt Russland, China und die USA die Hauptrolle spielen sollten, wobei die USA eine führende Position einnehmen müssten – was wie eine Einladung zur Multipolarität klingt. Die USA bleiben die Hegemonialmacht, erheben jedoch keinen Anspruch mehr auf ein weltumspannendes Imperium.
Europa auf dem Weg zur Multipolarität
Münkler beschreibt ausführlich die Schritte, die erforderlich sind, damit Europa nicht zum Spielball fremder Politik wird. Erstens: Europa muss sein wirtschaftliches Potenzial ausschöpfen. Und zwar: „Wenn Großmächte tun, was Großmächte tun, bleibt Europa seine wirtschaftliche Macht, die es aber gebündelt einsetzen muss.“ Zweitens: die Verankerung in traditionellen europäischen Werten. Wenn die US auf dem Weg in ein autoritäres Regime seien, dann gilt: „Die Europäer können tatsächlich ein Alleinstellungsmerkmal daraus machen: Wir sind im Prinzip der Bannerträger des demokratischen Rechtsstaats.“ Drittens geht es um die militärische Unabhängigkeit. Münkler plädiert für eine „europäische Verteidigungskoordination“ und die Vorbereitung „eines rein europäischen Generalstabs“ und der „Möglichkeit eines europäischen Oberkommandierenden, der die in Europa stehenden Nato Truppen“ unter sich hat. Das heißt, so Münkler „diesen Plan B bespielen, eingeschlossen die Möglichkeit einer europäischen nuklearen Abschreckung“. Denn: „Man sollte die militärische Komponente als Voraussetzung strategischer Autonomie nicht geringschätzen.“ (5)
„Widerstand gegen Russland“ – das ist der Kernpunkt in Münkler’s Argumentation. Die nukleare Abschreckung angesichts der Aggression seitens Russlands ist der höchste Grad dieses Widerstandes. Der Spiegel führte bereits 2023 in einem Artikel mit dem Titel „Politologe Herfried Münkler rät Europa zur atomaren Aufrüstung“ Münklers Argumentation als Beispiel an, in der er dazu aufrief, in Europa ein Atomwaffenarsenal aufzubauen, und verwies dabei auf dessen Interview mit dem Stern. Und zwar: „Münkler sprach über eine neue Weltordnung und brachte dabei die Möglichkeit europäischer Atombomben ins Spiel. „Münkler fordert in dem Interview, Europa mit Nuklearwaffen aufzurüsten, um besser vor Kriegen geschützt zu sein. »Europa muss atomare Fähigkeiten aufbauen«, sagte er dem Blatt. »Die Briten haben zwar Atom-U-Boote, Frankreich die Bombe, aber werden sie die wirklich einsetzen, um Litauen oder Polen zu schützen? Das darf man aus Sicht des Kreml bezweifeln. Wir brauchen einen gemeinsamen Koffer mit rotem Knopf, der zwischen großen EU-Ländern wandert.«“ (6)
Ausgangspunkt der Argumentation von Münkler ist das „abschreckende Beispiel“ der Ukraine. Der Spiegel schreibt: „Längst sei eine Aufrüstungsspirale in Gang, der sich Europa nicht entziehen könne. »Die Ukraine hat nach dem Budapester Memorandum ihre Atomwaffen an Russland abgetreten, für das amerikanische, britische und russische Versprechen, die Grenzen der Ukraine zu schützen«, sagte er. Die Erfahrung zeige, dass solch ein Vertrag nichts wert sei. Atomare Aufrüstung sei nötig, »damit die Europäer sich künftig nicht dauernd von Putin treiben lassen«. Nur »bis an die Zähne bewaffnet « sei man unangreifbar, sagte Münkler unter Verweis auf die Politik des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un. »Das ist der Grund, warum auch die iranischen Mullahs die Bombe haben wollen. Und wenn die sie haben, will Saudi-Arabien auch eine. Und als Nächstes kämen die Türken. Putins Ukrainekrieg hat die Politik der Nichtverbreitung von Atomwaffen desavouiert.« Münkler sagte, über atomare Aufrüstung könne nicht »mal eben auf einem Nato-Gipfel« entschieden werden. »Es ist eher ein Projekt für die nächsten 20 Jahre.«“ (7)
Das Wichtigste ist jedoch, dass die EU bei ihren Entscheidungen geschlossen auftritt. Und zwar: „Die EU könne in einer Welt imperialer Akteure nur bestehen, wenn sie Entscheidungsfähigkeit bündelt. Für diese Strategie müssen die Europäer allerdings Brüssel entscheidungsfähig machen und sich weg von den faulen Kompromissen hin zu einem Stück Dezisionismus bewegen.“ (8) Natürlich geht es hier darum, die Einstimmigkeit bei der Beschlussfassung – also die Situation, in der jedes EU-Mitglied ein Vetorecht hat – durch Mehrheitsbeschlüsse zu ersetzen, wodurch die Möglichkeit ausgeschlossen wird, dass ein einzelnes Land, beispielsweise Ungarn, Sanktionen gegen Russland blockieren kann.
Im Grunde genommen ist an dieser Haltung von Münkler nichts Neues. Man denke nur an die neue Strategie für Europa, die von den Ideologen des europäischen Transatlantismus nach Trumps erster Amtszeit entwickelt wurde. So schreibt Josef Braml, Generalsekretär der Deutschen Gruppe der Denkfabrik Trilaterale Kommission, in seinem Artikel für „Die Politische Meinung“ (Portal der Konrad-Adenauer-Stiftung) mit dem Titel „Transatlantische Illusion. Warum Europa politisch, wirtschaftlich und militärisch selbstständiger werden muss“ (2022): „Die Sicherheit, der Wohlstand und der soziale Frieden in Deutschland und Europa werden in Zukunft umso mehr von den Defiziten und Defekten der amerikanischen Demokratie beeinträchtigt, wenn Europas Regierungsverantwortliche weiterhin tatenlos abwarten und sich der transatlantischen Illusion hingeben, dass die Vereinigten Staaten wieder zu ihren alten Tugenden zurückfinden und auch Europas Interessen wahrnehmen würden. Das Gegenteil ist realistischer. … Für Europa, das der ehemalige und möglicherweise künftige US-Präsident Donald Trump und seine republikanische Partei sogar offen als Rivalen betrachten, bedeutet diese bedrohliche Entwicklung auch eine Chance – die Gelegenheit nämlich, die eigenen Interessen und Werte souveräner wahrzunehmen. Wir müssen selbstständiger werden: militärisch, politisch und wirtschaftlich. … Wem die liberale, sprich regelbasierte Weltordnung am Herzen liegt, sollte nicht auf Washington oder den Weltgeist hoffen, sondern sein Schicksal mutig selbst in die Hand nehmen. … Es ist das Gebot der Stunde, Europas politische Einheit und damit auch den Wirtschafts- und Währungsraum im globalen geoökonomischen Wettbewerb zu stärken. Um ihre politische Anfälligkeit zu überwinden und ihre Handlungsfähigkeit zu verbessern und „weltpolitikfähig“ zu werden, sollte die Europäische Union auch in der Außen- und Sicherheitspolitik von der Illusion der Einstimmigkeit hin zu einer realistischeren Konsensfindung in Form einer qualifizierten Mehrheitsentscheidung finden.“ (9) (Mehr dazu: Amerikanischer Experte Josef Braml: auf der Wache der transatlantischen Einheit)
Die wichtigste Voraussetzung für die Unabhängigkeit Europas ist somit die Liberalisierung des politischen Systems der EU und der Übergang zur Beschlussfassung mit qualifizierter Mehrheit. Das heißt, die nationalen Interessen der europäischen Staaten müssen den Interessen Brüssels geopfert werden. Wie weit dies von der Realität entfernt ist, ist wohl der überwiegenden Mehrheit der europäischen Politiker bewusst. Und auch Münkler glaubt wohl kaum an die Realisierbarkeit eines solchen Szenarios. Die Sache liegt anders. Hinter den Forderungen nach Unabhängigkeit und entschlossenem Handeln verbirgt sich der Wunsch, das transatlantische Bündnis zu erhalten, und hinter der Militarisierung Europas stehen Pläne zur Eindämmung des „aggressiven“ Ostens. Ohne die Unterstützung der USA auf dem Schlachtfeld hat Europa keinerlei Chance, gegen Russland zu gewinnen. Es bleiben also nur zwei Optionen: Entweder man zieht Trump auf seine Seite oder man „wartet seine Amtszeit ab“, in der Hoffnung, dass andere Regierungschefs an seine Stelle treten, denen ein militärisch starkes Europa sehr gelegen kommt. In beiden Fällen ist kein Platz für Diplomatie und somit auch nicht für Bemühungen um eine friedliche Lösung des Konflikts in der Ukraine.
Münkler’s militanter Logik stehen wissenschaftliche Förderer zur Seite. Einer davon ist die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), die als einer der größten Thinktanks in Europa gilt. Ihre Aufgabe ist es, Politiker zu beraten und ihr Wissen an alle Interessierten weiterzugeben. In dem Artikel „US-Verteidigungspolitik zwischen Isolationismus und Dominanzstreben“ (6. Februar 2026) untersuchen die wissenschaftlichen Analysten der Stiftung die neue nationale Strategie der Trump-Regierung und passen sie an die Strategie Europas an, weisen dabei jedoch auf zahlreiche Widersprüche in der Verteidigungspolitik der USA hin.
Tatsache ist, dass sich die Nationale Sicherheitsstrategie (National Security Strategy, NSS 2025) vom November 2025 im Ton und teilweise auch in der Substanz von der im Januar 2026 veröffentlichten Nationalen Verteidigungsstrategie (National Defense Strategy, NDS 2026) unterscheidet. Diese Unterschiede hängen insbesondere mit den unterschiedlichen Urhebern und Zielen dieser Dokumente zusammen. „Die Divergenzen hängen nicht zuletzt mit unterschiedlichen Autorenschaften und Zweckbestimmungen der Dokumente zusammen. Die NSS wird maßgeblich im Weißen Haus bzw. im Nationalen Sicherheitsrat verfasst, für das Erstellen der NDS ist dagegen das Verteidigungsministerium zuständig.“ (10)
Insbesondere: „Die vom US-Verteidigungsministerium verfasste NDS 2026 macht deutlich, dass sich die USA keineswegs darauf beschränken wollen, ihr eigenes Kernland zu schützen und die Westliche Hemisphäre zu dominieren. Sie wollen im Sinne eines selektiven Hegemoniestrebens auch in anderen Weltregionen weiterhin Einfluss ausüben.
Darüber hinaus wollen die USA stark in den Aufbau der Munitionsreserven, in KI- und Drohnenfähigkeiten sowie in die weitere Modernisierung ihres Nuklearwaffenarsenals investieren. In der Gesamtschau signalisieren diese angepeilten Ausgaben die klare Absicht, das US-Militär weiterhin auf hochintensive Konflikte, insbesondere gegen einen ebenbürtigen Konkurrenten wie China, vorzubereiten.
Allerdings wird herausgestellt, dass das russische Atomwaffenarsenal, die Unterwasser-, Weltraum- und Cyberkapazitäten eine Bedrohung auch für das US-amerikanische Staatsgebiet darstellen. Es entspricht dem Ansatz des selektiven Hegemoniestrebens, dass die USA in Europa vor allem ihre Verbündeten in der Verantwortung sehen, Russland abzuschrecken.
Zugleich bedeutet dies aber auch, dass sich die USA weiterhin stark auf die Nato stützen, um sich den Rücken mit Blick auf ihre eigentlichen Prioritäten freizuhalten. Entsprechend unterstreicht die NDS 2026, dass das Verteidigungsministerium in der Nato weiterhin eine »unverzichtbare Rolle« (vital role) spielen werde. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Verteidigungsstrategie den im Bündnis etablierten und weithin geteilten Begriff der Lastenteilung (burden-sharing) verwendet und nicht den deutlich konfliktgeladeneren Ausdruck Lastenverschiebung (burden-shifting).
Andererseits lassen alle drei Ansätze des Umgangs mit dem Verlust globaler Dominanz – der Opportunismus, Isolationismus und das selektive Hegemoniestreben – Zweifel an der künftigen Rolle der USA als Sicherheitsgarant Europas aufkommen. Europa fällt so oder so in der geopolitischen Prioritätenliste Amerikas ab. Umso wichtiger ist, dass Nato-Europa der strategischen Dissonanz der USA eine eigene klare Strategie entgegensetzt, die auf eine wohldurchdachte und ambitionierte Übernahme von deutlich mehr Verantwortung für die eigene Verteidigung abzielt. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass dies auch innerhalb der Allianz gelingen kann, weil maßgebliche Kräfte im US-amerikanischen Verteidigungsestablishment und im Kongress weiterhin keinerlei Interesse am deren Zerfall haben.“
Nach Ansicht wissenschaftlicher Experten besteht die Chance für Europa also darin, abzuwarten, bis das transatlantische – und im Grunde genommen kriegerische – Bündnis wieder an Stärke gewinnt.
Aber gibt es einen friedlichen Weg für die Entwicklung Europas hin zu echter Unabhängigkeit? So seltsam es auch klingen mag, doch eine solche Option findet sich bei Münkler, wenn er über die Grundlagen des „Westfälischen Systems“ und des „Konzerts der Mächte“ nach dem Wiener Kongress spricht. Unter Beweisstellung seiner Kenntnisse der europäischen Rechtsgeschichte erklärt er: „Uns erwartet keine freundschaftliche Weltordnung, sondern vielmehr eine Welt, in der die Politik der Stärke herrschen wird.“ Und er erklärt, „warum Neutralität in der Geschichte der Machtpolitik und damit auch in der heutigen Zeit nur ein Trick und eine ‚Einladung an andere, dich zu unterdrücken‘ ist.“ (11)
Münkler’s Überlegungen stehen im grundlegenden Widerspruch zu dem Verständnis von Neutralität, das Karl Schmitt bei seiner Untersuchung des europäischen Völkerrechts von der Zeit des Westfälischen Friedens bis zum Ersten Weltkrieg vertrat. Nach Schmitt spielte die Neutralität – als Rechtsinstitut – eine wichtige Rolle bei der Eindämmung von Kriegen in Europa. Die Neutralisierung von Staaten, d. h. der Ausschluss bestimmter Gebiete aus einem möglichen Kriegsschauplatz, war damals nicht weniger wichtig als alle anderen Normen des europäischen Rechts, die die europäischen Mächte auf der Suche nach Frieden in Europa entwickelten. Die Neutralität als Instrument des Friedens blieb auch nach dem Zusammenbruch des europäischen Rechts im Verlauf des Ersten Weltkriegs lange Zeit erhalten – bis vor kurzem, als sie im Krieg gegen Russland über Bord geworfen wurde.
Die Wiederherstellung der Neutralität als Rechtsinstitut – was für eine europawürdige Mission! Dies ist eine Chance für Europa, im neuen „Konzert der Weltmächte“ einen würdigen Platz einzunehmen und dabei seine Unabhängigkeit zu wahren. Neutralität bedeutet keineswegs ein Zeichen von Schwäche oder den Verzicht auf Streitkräfte. Eine schlagkräftige Armee ist für Europa einfach unverzichtbar, beispielsweise um gemeinsam mit dem neuen „Konzert der Weltmächte“ die Weltordnung zu sichern. Die Zielsetzung spielt hier eine entscheidende Rolle: Der Wunsch nach einer starken Armee zur Abschreckung von Kriegen und Konflikten ist eine Sache, sich zu bewaffnen und ein Atomwaffenarsenal aufzubauen, um einen vermeintlichen Angreifer einzuschüchtern, ist etwas ganz anderes.
Neutralität ist ein Element der Diplomatie, von dem Europa weitaus mehr profitieren könnte als von einer Politik der Konfrontation. Die Neutralität ebnet den Weg für den Aufbau eines großen Europas von Lissabon bis zum Ural und steht Trumps Friedensinitiativen in Bezug auf die Ukraine nicht im Wege. Schließlich ist dies eine Haltung, die weltweit allgemeine Anerkennung, Respekt und Unterstützung finden würde, insbesondere im Rahmen der Entstehung einer multipolaren Welt.
Der Nahe Osten auf dem Weg zur Multipolarität
Donald Trump behauptet, dass er seit seiner Rückkehr ins Oval Office bereits acht Kriege beendet habe. Die Rede ist von Konflikten zwischen Armenien und Aserbaidschan, Thailand und Kambodscha, Israel und der Hamas, Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo (DRK), Indien und Pakistan, Serbien und dem Kosovo, Ägypten und Äthiopien sowie schließlich zwischen Israel und dem Iran. Noch vor kurzem, gegen Ende des Jahres 2025, erklärte Amerika in seiner neuen nationalen Strategie, dass es den Kampf mit Russland um den Einfluss im Nahen Osten endgültig gewonnen habe und der Iran für das Land keine Gefahr mehr darstelle. Doch schon wenige Monate später wurde diese Illusion vollständig zunichte gemacht. Wie dauerhaft der Frieden in anderen Konfliktregionen sein wird, in denen neben den Interessen der USA auch die Interessen anderer Länder eine Rolle spielen, wird die Zeit zeigen.
So oder so kann der Krieg im Nahen Osten als ein weiteres Beispiel dafür dienen, dass die USA zur Multipolarität gezwungen werden. Die Logik einer solchen Entwicklung lässt sich beispielsweise in dem Artikel „Das neue Nahost-Quartett“ (30.06.2026) nachvollziehen, den Markus Schneider, Projektleiter der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in Beirut, für die Zeitschrift für Internationale Politik (IPG) verfasst hat. „Amerika wankt, Iran bleibt. Vier Regionalmächte versuchen erstmals, die Ordnung im Nahen Osten selbst zu gestalten“, so formuliert Schneider seine Hauptthese und beschreibt zwei mögliche Szenarien für den weiteren Verlauf der Ereignisse: „Der Niedergang der amerikanischen Hegemonie könnte nun in zweierlei münden: einen endgültigen Zusammenbruch jeglicher Ordnung durch die Verstetigung eines Weder-Krieg-noch-Frieden-Szenarios. Oder aber den zaghaften Beginn einer selbsttragenden regionalen Sicherheitsordnung, in der die großen Staaten der Region erstmals selbst zu Sicherheitsgaranten werden.“ (12)
Das Quartett der Nahoststaaten besteht aus Saudi-Arabien, der Türkei, Pakistan und Ägypten. Später wird sich Katar diesem anschließen. Nach drei Treffen innerhalb von drei Monaten verkündeten die Außenminister der vier Staaten am 21. Juni 2026 in Kairo auf hoher Ebene schließlich die Gründung eines neuen Bündnisses. „Was hier entsteht, ist womöglich der Nukleus einer eigenständigen Regionalordnung“, bemerkt Schneider. Doch angesichts des Beginns der amerikanisch-iranischen Konsultationen in der Schweiz blieb dieses Ereignis unbemerkt.
Die Initiative war nicht spontan entstanden. Schneider schreibt: „Bereits vor der jüngsten Eskalation hatten alle Mitglieder dieses Quartetts in Washington gegen die Kriegsentscheidung interveniert. Anders als die Zauberlehrlinge in Amerika und Israel hat die Region das Desaster vorhergesehen. „Wäre der israelische Plan aufgegangen, einen Krieg zwischen uns und Iran zu entfachen, wäre die Region in Ruin und Zerstörung gestürzt worden“, so Prinz Turki al-Faisal, der ehemalige Geheimdienstchef und längst semi-offizielle Stimme des saudischen Establishments. Statt die iranischen Gegenschläge zur Eskalation zu nutzen, waren es gerade die großen Vier, zusammen mit dem kleineren Bruderstaat Katar, die am intensivsten versuchten, den katastrophalen Krieg zu beenden.“ Das Bestreben der Vieren, gemeinsam mit Katar eine Katastrophe im Nahen Osten zu verhindern, ist auch deshalb bemerkenswert, weil viele von ihnen noch vor wenigen Jahren teils offen bekämpften.
Das Ziel des Quartetts liegt auf der Hand: Frieden im Nahen Osten zu erreichen. Schneider schreibt: „Die Formel des neuen Nahost-Quartetts lautet: Amerika zumindest teilweise als Sicherheitsgaranten ersetzen, Iran einbinden und dadurch einhegen, Israel zurückdrängen. Der israelische Expansionismus in der Westbank, in Syrien und im Libanon und das hemmungslos überdehnte Sicherheitsverständnis des Landes gelten längst als ebenso große Herausforderung wie das revitalisierte Regime in Teheran, das völlig in die Ecke gedrängt mit Hormus nun seine „nukleare Option“ gefunden hat, nicht nur der Region, sondern gleich der ganzen Weltwirtschaft das Messer an die Kehle zu halten.“
Israel und der Iran sind die Hauptgegner des Quartetts in dessen Bestreben nach Stabilität im Nahen Osten. Das ist verständlich: „Der persisch-israelische Antagonismus gilt längst als die größte Gefahr für dauerhaften Frieden und Stabilität in der Region.“ Doch die Türkei ist nicht der Iran, und die Saudis sind keine Perser; daher besteht die Aufgabe des Quartetts darin, zu verhindern, dass sich der Konflikt zwischen Juden und Persern weiter ausweitet: „Seine Zurückdrängung und Entschärfung ist das geopolitische Hauptziel der Viererbande um Riad und Ankara. Verhindert werden sollen sowohl neue, polarisierende Abraham Accords (die Friedensabkommen zwischen Israel, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain, die 2020 unter der Schirmherrschaft von Trump unterzeichnet wurden, Anm. des Autors), wie sie Tel-Aviv Syrien und dem Libanon nun aufzwingen will, als auch die Entstehung einer Pax Iranica am Golf.“
Dabei gibt es weniger Probleme mit dem Iran als mit Israel, obwohl Teheran die gesamte muslimische Welt unterstützt: „Die Gefahr liegt freilich darin, dass die Islamische Republik sich an ihren unerwarteten Erfolgen zu sehr ergötzt, dass sie letztlich ihr Blatt überreizt und die Region abermals ins Chaos zieht.“ Doch dies ist ein Problem ganz anderer Art als das, das Israel mit sich bringt: Während das Quartett kaum Chancen hat, Einfluss auf den globalen Konflikt zwischen der islamischen Welt und dem Westen zu nehmen, ist die Entschärfung des persisch-israelischen Konflikts gerade die Aufgabe der regionalen Mächte. Und hier hängt vieles von der Haltung Israels ab. Schneider schreibt: „Die von Netanjahu angepeilte Pax Judaica soll Israel zur alleinigen
„Supermacht“ im Nahen Osten machen. Die ganze Region soll in einen maximal geschwächten, souveränitätslosen Raum verwandelt werden, in dem das israelische Militär nach Belieben schalten und walten kann. Es ist genau das Gegenteil jener staatszentrierten Welt, die das neue Nahost-Quartett anstrebt. Mit erstaunlich ähnlichen Mitteln setzt der jüdische Staat wie seine Erznemesis Iran auf Fragmentierung, ethnokonfessionelle Spaltung, auf Separatismus und Proxies. Die Hybris hat noch eine Heimat in Tel-Aviv.“
Und wie sieht es mit Amerika aus? Es ist schon seit Langem bereit, seine Verantwortung für die Beilegung des Konflikts im Nahen Osten mit den Regionalmächten zu teilen. Schneider schreibt „„Share the region“, riet Präsident Obama einst den Potentaten. Er war seiner Zeit weit voraus, aber Jahre später kam die Botschaft doch an. Es ist die Erkenntnis, dass keine einzige Regionalmacht allein ihren Geltungsanspruch durchsetzen kann und dass die Proxykriege, die auf die Spitze getriebene ideologische Feindseligkeit, am Ende allen schaden. Es ist ebenso die Erkenntnis, dass sich die amerikanische Weltmacht nur bedingt für die eigenen Belange einspannen lässt. Ganz gleich, wie viele Milliarden man investierte – gegen Israel lässt sich in Washington kein Wettlauf gewinnen.“
Trump ging, genau wie in Europa, geschickter vor: „Der sich gelangweilt abwendende Trump überlässt das Feld bereits seinen zwei sich befehdenden Diadochen Vance und Rubio, die jeder für sich ein Risiko darstellen. Der Vizepräsident, den die Region dermaßen anekelt, dass er einen womöglich alleinlässt mit den Iranern. Und Außenminister Rubio, der trotz MAGA-Verkleidung ein Israel Firster alter neokonservativer Schule bleibt.“
Was dabei herauskommen wird, ist ungewiss, aber die irre Selbstüberschätzung der eigenen Möglichkeiten durch Israel wird irgendwann ihr natürliches Ende finden: „Ihr seid ein Neun-Millionen-Staat. Ihr könnt euch nicht einfach aus jedem Sicherheitsproblem heraustöten“, so J. D. Vance zum einstigen Premiumverbündeten, dem in Washington erstmals seit Jahren ein sehr viel eisigerer Wind entgegenweht. Die Region liest und hört aufmerksam mit. Längst registriert sie die Verschiebung der tektonischen Platten der Geopolitik. Ohne bedingungslosen US-Support wird der jüdische Staat zum Ikarus.“
Ein wichtiger Schritt in Richtung Frieden im Nahen Osten wäre die Lösung der Palästinafrage. Erstens: „Der iranisch-israelische Antagonismus nährt sich an der ungelösten Palästinafrage.“ Zweitens: „Alle vier Mächte unterstützen den ursprünglich saudischen Vorstoß der Arabischen Friedensinitiative: volle Normalisierung im Austausch gegen eine Zweistaatenlösung in den Grenzen von 1967.“ Drittens: „Für die Außenminister der großen Vier ist deshalb klar: Der Weg zum Frieden führt durch Ramallah. Die Missachtung dieser einfachen Wahrheit hat den 7. Oktober und die Folgekriege erst möglich gemacht.“ Es ist auch klar: „Dies soll nicht wieder geschehen.“ Aber an wem sollte es gewendet werden? Schneider hat keinen Zweifel: „Die Hand bleibt ausgestreckt in Richtung eines Israels, das Frieden will. Dieses allerdings existiert derzeit kaum noch.“
Doch Schneider wäre kein deutscher Nahost-Experte, wenn er nicht ein paar Worte zur Haltung Europas gegenüber dieser brisanten Region sagen würde: „Gerade hier liegt der Common Ground mit den in glanzvoller Irrelevanz versinkenden Europäern. Auch wir haben erfahren, dass die Nichtlösung des Nahostkonflikts ihren Preis hat – einen Preis, der sich nicht nur in Krieg, in Extremismus und Migration bemisst, sondern bis an die Zapfsäule reicht. Zeit also für mehr als die üblichen Lippenbekenntnisse. Das neue Nahost-Quartett bietet eine Chance. Nutzen wir sie.“
Die meisten Kriege, denen Trump seiner Meinung nach ein Ende gesetzt hat, stehen im Zusammenhang mit der neuen geopolitischen Lage – der Entstehung neuer „Imperien“ oder „Großräume“, um es mit den Worten von Carl Schmitt zu sagen, die neben Amerika entstehen. Und dies sind bei weitem nicht die letzten Konflikte, mit denen in Zukunft zu rechnen ist: Die Welt ist noch nicht reif für den ewigen Frieden. Deshalb reicht Trumps Wunsch allein, den Kriegen ein Ende zu setzen, offensichtlich nicht aus: Wenn er wirklich Frieden will, muss er sich auf jeden Fall mit den Schlüsselakteuren der Weltpolitik einigen, auch was den Konflikt im Nahen Osten betrifft. Und wie lässt sich dieser Konflikt überhaupt beilegen, ohne Chinas militärisch-wirtschaftliche Präsenz in dieser Region und Russlands Vermittlungsmöglichkeiten zu berücksichtigen? Trump hat also noch eine Chance, einen entschlossenen Schritt in Richtung Multipolarität zu machen: Er muss Putin und Xi Jinping an einen Verhandlungstisch bringen. Andernfalls wird es ihm wohl kaum gelingen, als Präsident des Friedens in die Geschichte einzugehen.
Amerika auf dem Weg zur Multipolarität
Die Amerikaner glauben fest an die heilende Kraft ihrer Demokratie. Das hat eine gewisse Logik: Sobald schwere Zeiten anbrechen, wendet sich Amerika den Lehren seiner Gründerväter zu, um darin Impulse für die Wiederbelebung des amerikanischen Geistes zu finden. Und in der Regel werden sie auch gefunden, wie beispielsweise John K. Kornblum und Dieter Kronzucker in der Zusammenfassung ihres Buches „Amerikas Mission: Weltmacht am Wendepunkt“ schreiben, das kurz nach der Finanzkrise von 2008 erschien: „Die Amerikaner geraten leicht ins Schwärmen, wenn sie von ihren Idealen reden: Freiheit und die freie Entfaltung der Persönlichkeit, Menschenwürde und Menschenrechte, Chancengleichheit und Toleranz. Immer wenn die Amerikaner aber feststellen, dass sie sich zu weit von diesen Gründeridealen entfernt haben oder sogar ideologisch verrannt haben, setzt ein politischer und sozialer Korrekturmechanismus ein. Die andere Religion, die andere Meinung, die andere Hautfarbe, das andere Geschlecht, der Parteirebell ja sogar der Störenfried haben Aufwind, bringen Aufbruchstimmung in verkrustete oder veraltete Strukturen und Denkweisen. Die Veränderung der Gesellschaft und ihrer Normen erfolgt dabei in atemberaubendem Tempo.“ (13)
Der 250. Jahrestag der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der USA bot einen weiteren Anlass, über diese besondere Eigenschaft der amerikanischen Demokratie nachzudenken. So verglich der Berater und Analyst für geostrategische Risiken, Alexander Dergay in einem Artikel für die Berliner Zeitung mit dem Titel „250 Jahre USA: Europas Neid auf den Großvater“ die amerikanische und die europäische Demokratie – und das keineswegs zugunsten des alten Europas. Insbesondere schreibt er: „Die Alte Welt verweist gern hämisch darauf, dass manches Fachwerkhaus älter sei als die USA. Doch in Wahrheit, so zeigt Moritz Eichhorn (Chefredakteur der Berliner Zeitung, Anm. d. Autors), ist Amerika der Großvater am Tisch der Demokratien – und Europa der aufgeregte Enkel, der bei Krisen nicht renoviert, sondern gleich die ganze Statik infrage stellt. Immerhin: Die Verfassung der Vereinigten Staaten gilt ununterbrochen seit 1789. Frankreich durchlief seither die revolutionäre Republik, das Kaiserreich, die restaurierte Monarchie, noch eine Republik, Vichy und weitere Republiken. Deutschland fand erst über Bismarck, Weimar, Diktatur und Teilung zum Grundgesetz von 1949 – und zur vereinigten Bundesrepublik 1990. Und darin liegt der Unterschied. Amerika baut und baut. Sklaverei, verweigertes Frauenwahlrecht, Rassentrennung – all das gehörte zur Gründung. Doch die USA reformieren ihr Haus, statt es abzureißen. Europa hat die Selbstkritik bis zur Selbstzerstörung perfektioniert; Amerika gewann daraus die Kraft zur Erneuerung.“ (14)
Da stellt sich unwillkürlich die Frage: Warum stärken Krisen die amerikanische Demokratie, während sie die europäische Demokratie im Gegenteil zerstören? Dergay versucht, diese Frage zu beantworten, indem er auf den übertriebenen europäischen Stolz auf Relikte hinweist: „Der europäische Neid hat einen einfachen Grund: Wir halten altes Kulturerbe für politische Stärke. Doch Kathedralen ersetzen keine handlungsfähigen Institutionen.“ Doch auch die Amerikaner schätzen ihre „Relikte“ sehr, wie Dergay unter Berufung auf Benjamin Franklin hervorhebt, der 1787 gefragt wurde, welche Regierungsform der Konvent geschaffen habe. Dieser antwortete: „Eine Republik – wenn ihr sie bewahren könnt.“ Dergay kommentiert: „Die Amerikaner haben die Republik erhalten. Am 4. Juli feiern sie 250 Jahre Unabhängigkeit – und die stete Erneuerung aus einem Fundus derselben grundlegenden Werte.“
Man könnte meinen, zwischen dem „Kulturerbe“ Europas und den „grundlegenden Werten“ der USA dürfte es keinen Unterschied geben: In beiden Fällen geht es um westliche Werte. Dennoch bauen die USA auf der Grundlage dieser Werte geduldig weiter an ihrem Haus, während Europa sein Haus zerstört. Woher kommt dieser Unterschied? Ohne auf diese Diskussion einzugehen, möchte ich lediglich an eine offensichtliche Wahrheit erinnern, die Carl Schmitt in seiner Lehre über die Demokratie festgehalten hat: Demokratie ist ein historischer Prozess und nicht nur eine Sammlung demokratischer Regeln und Institutionen. Das bedeutet, dass der Demokratie – wie jedem Prozess – eine innere Kraft zugrunde liegen muss, die sie in Bewegung setzt. Die Amerikaner verfügen über eine solche treibende Kraft: das dialektische Dilemma zwischen Isolationspolitik und Intervention, das sie seit 250 Jahren begleitet. Aber gibt es ein solches Dilemma auch bei den Europäern?
Deutschland steht vor einem solchen Dilemma: Darauf hat der Historiker Dieter Borchmeyer in seinem Buch „Was ist deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst“ (2017) hingewiesen. Er schreibt: „Kein Volk der Geschichte hat sich so unaufhörlich mit der eigenen Identität beschäftigt wie das deutsche. Die Antwort auf die zumal seit dem 18. Jahrhundert immer neu gestellte Frage „Was ist deutsch?“ pendeln, bisweilen mit extremen Ausschlägen, zwischen zwei Polen: einem welteinschließenden – kosmopolitischen – und einem weltausschließenden – nationalistischen – Pol. Kaum je ist dieses Pendel der Identitätssuche zum Stillstand gelangt, ja die heftige Bewegung zwischen den Polen hat immer wieder auch dafür gesorgt, dass der eine der beiden Pole Züge des anderen übernahm.“ (15)
Das Buch liefert wichtige Anhaltspunkte für ein besseres Verständnis dessen, was „deutsch“ ist, und damit auch für das Verständnis der deutschen Demokratie als historischen Prozess. Doch im gesellschaftlichen Diskurs über die moderne Demokratie in Deutschland, die sich in einer schweren Krise befindet, sind die Schlussfolgerungen des Historikers selten zu hören. Das Verständnis der deutschen Demokratie als dialektischer Prozess mit seinen Schwankungen zwischen Kosmopolitismus und Nationalismus wurde nach dem Zweiten Weltkrieg durch den Versuch ersetzt, die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland in die angloamerikanische demokratische Gemeinschaft zu integrieren. Man könnte meinen, der lange Weg zur Demokratie sei zurückgelegt worden, die Werte und Institutionen der westlichen Demokratie hätten auf dem politischen Boden Deutschlands fest Wurzeln geschlagen. Doch heute sieht sich das Land mit dem konfrontiert, was es nach dem Zweiten Weltkrieg verloren hatte: mit der Suche nach seiner Identität, bei der das Hin und Her zwischen Nationalismus und Konservatismus erneut zur treibenden Kraft des demokratischen Prozesses geworden ist. Liegt darin nicht das zentrale Phänomen der Partei „Alternative für Deutschland“?
Das deutsche Dilemma zwischen Nationalismus und Kosmopolitismus erinnert an das amerikanische Dilemma zwischen Isolationismus und weltweiter Intervention. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass die großen Geister Deutschlands, darunter Thomas Mann, unter Kosmopolitismus eine kulturelle Intervention verstanden, keineswegs jedoch eine militärische, wenn man unter kultureller Intervention den Einfluss der deutschen Kultur auf alle Kulturen der Welt versteht. Darüber schreibt insbesondere Borchmeyer, der sich mit dem fast vergessenen Essay von Thomas Mann „Betrachtungen eines Unpolitischen“ auseinandersetzt.
Borchmeyers Analyse liefert wichtige Anhaltspunkte für ein besseres Verständnis dessen, was „deutsch“ ist, und damit auch für das Verständnis der deutschen Demokratie als historischen Prozess. Doch im gesellschaftlichen Diskurs über die moderne Demokratie in Deutschland, die sich in einer schweren Krise befindet, sind die Schlussfolgerungen des Historikers kaum zu hören. Das Verständnis der deutschen Demokratie als dialektischer Prozess mit seinen Schwankungen zwischen Kosmopolitismus und Nationalismus wurde nach dem Zweiten Weltkrieg durch den Versuch ersetzt, die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland in die angloamerikanische demokratische Gemeinschaft zu integrieren. Man könnte meinen, seitdem sei ein langer Weg zur Demokratie zurückgelegt worden, und die Werte und Institutionen der westlichen Demokratie hätten auf dem politischen Boden Deutschlands fest Wurzeln geschlagen. Doch heute kehrt das Land zu dem zurück, was es nach dem Zweiten Weltkrieg verloren hatte: zur Suche nach seiner Identität, wobei das Hin und Her zwischen Nationalismus und Konservatismus erneut zur treibenden Kraft des demokratischen Prozesses geworden ist. Liegt darin nicht das Hauptphänomen der Popularität der Partei „Alternative für Deutschland“?
Doch zurück zu Amerika. Die Weltmacht befindet sich erneut an einem Wendepunkt. Nach der Finanzkrise und insbesondere nach dem chaotischen Abzug der Truppen aus Afghanistan haben sich in der amerikanischen Gesellschaft Veränderungen vollzogen. Die Amerikaner begannen zu begreifen, dass „sie sich zu weit von diesen Gründeridealen entfernt haben oder sogar ideologisch verrannt haben“. Sofort griff der Korrekturmechanismus der amerikanischen Demokratie: Unter dem Motto „America first!“ und mit massiver Unterstützung der Anhänger der MAGA-Bewegung kehrte Donald Trump im Jahr 2025 ins Weiße Haus zurück. Der Isolationismus sollte zum Kernstück der neuen Politik werden und damit das Wesen des „Trumpismus“ als neue Ideologie zum Ausdruck bringen: Anti-Thatcherismus, Anti-Imperialismus, Anti-Transatlantismus, Antiglobalismus.
In der neuen nationalen Strategie der USA fanden die Ideale des Trumpismus nur teilweise ihren Niederschlag: Die Trump-Regierung verzichtete nicht vollständig auf eine Politik der weltweiten Intervention, plante jedoch – mit dem Fokus auf die langfristige Konfrontation mit China – ihre Einmischung in die Angelegenheiten anderer Staaten, vor allem in Europa und im Nahen Osten, zu verringern. Als Ausgangspunkt für die neue Politik sollte der amerikanische Kontinent dienen – in Form einer „Monroe-Doktrin à la Trump“. Sozusagen, um Kraft zu sammeln und sich zu stärken, bevor der nächste Sprung gewagt wird.
Doch die Umsetzung der neuen nationalen Strategie verlief von Anfang an nicht nach Plan: Dort, wo die USA ihre Kräfte schonen wollten, mussten sie diese erneut einsetzen. Gerade in Europa und im Nahen Osten ist die Trump-Regierung entgegen der neuen Strategie gezwungen, auf der Stelle zu treten und sich in der einen oder anderen Form am Konflikt in der Ukraine und am Krieg Israels gegen den Iran zu beteiligen. In Europa sorgt die transatlantische Elite für Probleme, auf deren Seite die Demokraten und die Falken der Republikanischen Partei stehen, deren prominenter Vertreter bis vor kurzem Lindsey Graham war. Im Nahen Osten wurde der Krieg gegen den Iran zu einer echten Bewährungsprobe für die Trump-Regierung, die zwar von den MAGA-Anhängern nicht unterstützt wird, wohl aber von israelischen Lobbyisten sowie von der christlichen Rechten, die innerhalb der Republikanischen Partei großes Gewicht hat. Auch wenn sie unter dem Druck der Öffentlichkeit steht, ist die Trump-Regierung gezwungen, in eine Politik der weltweiten Intervention abzurutschen: Sie will weder Europa als militärischen Vorposten der USA am westlichen Flügel Eurasiens noch Israel als militärischen Vorposten am westlichen Flügel des „weichen Unterleibs“ Eurasiens verlieren und unterstützt damit Netanjahu und seine Anhänger beim Aufbau eines „Großisraels“ im Rahmen des Konzepts der Pax Judaica.
Im Grunde handelt es sich um eine Pattsituation für die USA, die sich mit folgendem Satz zusammenfassen lässt: „Weder ein richtiger Krieg noch ein richtiger Frieden“. Der Hauptgrund dafür ist die veränderte Einstellung der amerikanischen Gesellschaft zum Krieg. Nach dem „Afghanistan-Syndrom“ ist die Beteiligung der USA an internationalen Konflikten und erst recht an Bodenoperationen für die Mehrheit der Amerikaner ein rotes Tuch, vor allem für Anhänger der MAGA-Bewegung. Das ist der Trump-Regierung sehr wohl bewusst. Gleichzeitig ist den amerikanischen Strategen durchaus bewusst, dass ein moderner Krieg ohne Bodenoffensive – selbst bei absoluter Überlegenheit in der Luft und massivem Raketeneinsatz – nicht zu gewinnen ist. Es gibt nur einen Ausweg: die amerikanischen Soldaten so gut wie möglich zu schonen und als Ersatz andere zu suchen, die bereit sind, in den Krieg zu ziehen.
Im Konflikt zwischen dem Westen und Russland übernehmen ukrainische Soldaten und Söldner diese Rolle, wobei nicht ausgeschlossen ist, dass sich ihnen Europäer anschließen könnten, worauf sie von der „Koalition der Willigen“ vorbereitet werden. Es bleibt zu hoffen, dass es angesichts des enormen Risikos einer solchen Konfrontation nicht zu einem direkten Konflikt zwischen Russland und der NATO kommt. Im Nahen Osten könnten die Kurden die Rolle der Soldaten übernehmen, doch auch diese Variante ist unwahrscheinlich, da ihre Beteiligung am Konflikt die gesamte Region in Aufruhr versetzen würde – und daran hat das Quartett der Nahoststaaten, einschließlich der Türkei, absolut kein Interesse. Auch Söldnertruppen kommen nicht in Frage: Im Partisanenkrieg gegen westliche Söldner könnte der Iran eine ganze Armee von Partisanen rekrutieren. Bleibt noch die israelische Armee: die letzte Bastion der amerikanischen Falken in ihrem Streben nach globaler Vorherrschaft bis zum siegreichen Ende, das heißt „bis zum letzten Soldaten“. Muss man überhaupt über einen möglichen Konflikt mit China sprechen: Wo würden die USA „andere“ Soldaten rekrutieren, um beispielsweise den freien Durchgang von Transporten durch die Taiwanstraße zu gewährleisten?
Es besteht die Hoffnung, dass die aus dem „Afghanistan-Syndrom“ gezogene Lehre – vor dem Hintergrund der ausweglosen Lage, in die die USA im Nahen Osten geraten sind – die amerikanische Gesellschaft noch weiter in Richtung Isolationismus treiben wird. Die MAGA-Bewegung wird ihren Kampfgeist nicht verlieren, und der „friedliche Kurs“ der Trump-Politik unter der Führung von Vance wird mehr Unterstützung erhalten als Rubios „kriegerischer Kurs“. Dies wäre für Trump nach den Zwischenwahlen die ideale Gelegenheit, einen entschlossenen Schritt in Richtung einer grundlegenden Lösung der weltweiten Konflikte zu unternehmen, d. h., sich mit Putin und Xi Jinping an einen Verhandlungstisch zu setzen und damit einen wichtigen Baustein für eine multipolare Welt zu legen.
Quelle:
2. https://www.heise.de/-11163132
3. https://www.youtube.com/watch?v=bSScxTweoIs
4. https://www.heise.de/-11163132
5. Ebenda
7. Ebenda
8. https://www.heise.de/-11163132
9. https://www.kas.de/de/web/die-politische-meinung/artikel/detail/-/content/transatlantische-illusion
11. https://www.heise.de/-11163132
12. https://www.ipg-journal.de/ipg/autorinnen-und-autoren/autor/marcus-schneider/
13. https://www.amazon.de/Mission-Amerika-Weltmacht-am-Wendepunkt/dp/3868810323
15. Dieter Borchmeyer, Was ist deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst, Rowohlt Berlin Verlag GmbH, Berlin, 1. Auflage März 2017, S. 13.