Die Befürchtungen europäischer Politiker, dass Trump das Interesse an Europa als verlässlichem Partner verloren habe, sind übertrieben. Trump braucht Europa, aber nicht so, wie es heute ist.
Trump hat seine Einstellung zu Europa in seiner Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos am 21. Januar 2026 erneut zum Ausdruck gebracht. Kurz gesagt lautet sie: „Ich liebe Europa, aber es bewegt sich in die falsche Richtung“ (1). Ob er Europa braucht und wenn ja, welches, darüber schwieg sich Trump diesmal aus. Das musste er auch gar nicht, denn Trumps Team hat den europäischen Politikern bereits mehrfach klar gemacht, welches Europa Amerika braucht.
US-Vizepräsident Vance: „Mache mir Sorgen über Europa“
Ein anschauliches Beispiel dafür ist die Rede des US-Vizepräsidenten J. D. Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz am 14. Februar 2025. Die Redaktion der Zeitung Cicero veröffentlichte eine deutsche Übersetzung seiner Rede und versah den Artikel mit der Überschrift „Mache mir Sorgen über Europa“. (2) Im Grunde hat Vance die Hauptkritik der Trump-Regierung an den europäischen Politikern ausgesprochen: Amerika braucht heute ein ganz anderes Europa.
Um zu zeigen, welches Europa Amerika heute wirklich braucht, kehrt Vance in die Zeit des Kalten Krieges zurück, als der Westen seine Werte im Kampf gegen den ideologischen Gegner in den Vordergrund stellte und einen uneingeschränkten Sieg errang. Er wendet sich an die im Saal Sitzenden und sagt: „Wie sich viele von Ihnen in diesem Saal noch erinnern können, standen im Kalten Krieg die Verteidiger der Demokratie gegen tyrannische Kräfte auf diesem Kontinent. Und denken Sie an die Seite in diesem Kampf, die Dissidenten zensierte, die Kirchen schloss, die Wahlen annullierte. Waren das die Guten? Sicherlich nicht. Gott sei Dank haben sie den Kalten Krieg verloren. Sie haben verloren, weil sie all die außergewöhnlichen Segnungen der Freiheit weder schätzten noch respektierten: die Freiheit, zu überraschen, Fehler zu machen, zu erfinden, aufzubauen. Es hat sich herausgestellt, dass man Innovation oder Kreativität nicht verordnen kann, genauso wenig wie man den Menschen vorschreiben kann, was sie denken, fühlen oder glauben sollen. Und wir glauben, dass diese Dinge durchaus miteinander verbunden sind.“
Seitdem hat sich Europa jedoch stark verändert, was Vance mit Bedauern feststellen muss: „Wenn ich mir Europa heute anschaue, ist mir leider manchmal nicht ganz klar, was mit einigen der Gewinner des Kalten Krieges passiert ist.“ In seiner Rede führt Vance eine ganze Liste von Beispielen für Handlungen europäischer Politiker an, die bei den Amerikanern Verwunderung oder sogar Entsetzen hervorrufen. Vance beunruhigt in Europa am meisten nicht die Bedrohung durch Russland, China oder einen anderen externen Akteur, sondern die internen Probleme Europas, genauer gesagt: „Der Rückzug Europas von einigen seiner grundlegenden Werte. Werte, die es mit den Vereinigten Staaten von Amerika teilt.“ Das Schlimmste sind jedoch die Angriffe auf die Meinungsfreiheit: „Ich fürchte, in Großbritannien und ganz Europa ist die Meinungsfreiheit auf dem Rückzug.“
Die Reaktion der europäischen Politiker auf Vance‘ Rede war insgesamt erwartbar: Sie reichte von Unverständnis bis Empörung. Wie man so schön sagt: Vance und Trump sind nicht gerade Politiker, die den Europäern Demokratie beibringen sollten. Dementsprechend blieb ein wichtigerer Aspekt der Kritik unbeachtet, der darauf abzielte, gemeinsam über die Perspektiven einer Zusammenarbeit nachzudenken, jedoch unter Berücksichtigung der Realitäten und mit Blick auf den Erfolg, wie es in der Zeit des Kalten Krieges der Fall war. Wie Vance auf der Konferenz sagte: „Wir müssen mehr tun, als über demokratische Werte zu reden. Wir müssen sie leben.“
Die neue Strategie der USA: ein Warnsignal ohne Antwort
Ähnlich war die Reaktion führender Politiker auf die neue Sicherheitsstrategie der USA. So berichtet beispielsweise die deutsche Nachrichtensendung Tagesschau: „Bundeskanzler Merz ist nicht überrascht von der neuen US-Sicherheitsstrategie. Aus seiner Sicht entspricht sie ungefähr dem, was der US-Vizepräsident JD Vance im Februar auf der Münchner Sicherheitskonferenz gesagt hatte. Vance warf damals Deutschland und anderen europäischen Verbündeten eine Beschneidung der Meinungsfreiheit und eine Ausgrenzung von Parteien wie der AfD vor. … Der Bundeskanzler sieht keine Notwendigkeit, dass die Amerikaner die Demokratie in Europa retten müssten.“ (3)
Auf der Suche nach der Logik der neuen US-Strategie
Die neue Strategie der USA hat zweifellos ihre eigene Logik. Um sie zu verstehen, sollte man sich wohl am besten der Geschichte zuwenden, genauer gesagt der Karibikkrise von 1962. Er zeigte, dass es unmöglich war, der Sowjetunion, die zu diesem Zeitpunkt bereits eine vollwertige Atommacht war, eine strategische Niederlage zuzufügen, ohne dabei zu riskieren, den gesamten Globus mit nuklearem Staub zu bedecken. Dies war ein Wendepunkt in der Geschichte, der zur sogenannten Entspannungspolitik führte: Die militärische Konfrontation und der Kampf um Einflusssphären blieben bestehen, aber der Schwerpunkt wurde auf den Wettbewerb in den Bereichen Wirtschaft, Politik und Soziales verlagert.
Die Ära der Entspannung endete mit der Unterzeichnung einer Reihe von Friedensabkommen und, aus globaler Perspektive betrachtet, mit der Niederlage des kommunistischen Blocks. Die Meinungsfreiheit, die unternehmerische Freiheit und die Freizügigkeit, die mit dem wachsenden Wohlstand der Bevölkerung einhergingen, wurden zu den Leuchttürmen der westlichen Welt, die dazu beitrugen, die Sowjetunion von innen heraus zu zerstören. Es war die Sternstunde der westlichen Zivilisation, die Amerika groß gemacht hat.
Die Geschichte wiederholt sich. Putins Russland hat seinen Status als vollwertige Atommacht zurückerobert und dem Westen damit jede Hoffnung genommen, ihm eine strategische Niederlage zuzufügen. Der Stellvertreterkrieg in der Ukraine hat die Welt in die Situation der Karibikkrise zurückversetzt, als klar wurde, dass Russland militärisch nicht zu besiegen ist – trotz aller Bemühungen der amerikanischen und europäischen Falken. Es ist die Zeit der Politiker gekommen, die in den Ideen der Entspannung eine Chance für die Wiederbelebung der früheren Größe Amerikas sehen. Freie Meinungsäußerung, Kreativität, Innovation, wirtschaftliche und finanzielle Vorteile und insbesondere Soft Power haben im Wettbewerb der USA um die Weltführerschaft – vor allem im harten Wettstreit mit China – wieder an Bedeutung gewonnen.
Dabei beabsichtigen die USA nicht, ihr militärisches Potenzial zu schwächen oder auf den Einsatz militärischer Gewalt zu verzichten. Trumps ehrgeizige Pläne zum Bau einer „Goldenen Kuppel” und einer „Goldenen Flotte”, die Wiederbelebung des amerikanischen Konservatismus und eine radikale Kehrtwende in der Wirtschaftspolitik – ist das nicht eine Rückkehr zu den Zeiten Reagans? Die neue Strategie der USA erinnert in gewisser Weise an die NATO-Doppelstrategie in der Ära der Entspannungspolitik: aus einer Position der Stärke heraus vorteilhafte Friedensabkommen erzwingen.
Die „rechte“ transatlantische Allianz befindet sich im Aufbau
Trump wird vorgeworfen, die einheitliche Politik Europas durch sein Flirten mit rechten Kräften zu zerstören. Unter Verdacht geraten sind die engen Verbindungen der Trump-Regierung zu rechtspopulistischen Bewegungen und Parteien in Europa, darunter die Partei „Alternative für Deutschland“. Dies beunruhigt insbesondere die europäischen Transatlantiker. Beispielsweise erschien im Juli 2024, also noch vor Trumps Rückkehr ins Weiße Haus, auf dem Portal der Atlantik-Brücke ein Artikel mit dem Titel „Ein transatlantischer Rechtsblock: Wie groß ist die Gefahr?“ Dort steht: „Auf beiden Seiten des Atlantiks, in Europa wie in den Vereinigten Staaten, hat sich mit dem Erstarken rechtspopulistischer Bewegungen und Parteien ein bedeutender politischer Wandel vollzogen. Es gibt Indikatoren, die nahe legen, dass sich ein transatlantischer Rechtsblock zwischen der Alternative für Deutschland (AfD), Trumps Lager und rechten europäischen Parteien bildet.“ (4)
Die Tatsache, dass diese Parteien und Bewegungen noch keine Einheit bilden, sollte die europäischen Politiker nicht beruhigen, warnt das Portal des Vereines Deutscher Transatlantiker. Doch die Politik der Trump-Regierung gegenüber Europa folgt einer klaren Logik: Sie schafft ihre eigenen Institutionen und bildet sich die Gefolgschaft aus, die sie braucht.
Marco Rubio bleibt strikt auf Trump-Linie und fordert Gefolgschaft
Der US-Außenminister gab sich in seinen Äußerungen versöhnlicher als US-Vizepräsident Vance vor einem Jahr, blieb aber in der Sache knallhart. Das war die erste Reaktion der deutschen Presse auf die Rede Rubio bei der Münchener Sicherheitskonferenz am 14. Februar 2026, z. B. in Tagesschau: „Die sorgfältig verpackte Kernbotschaft lautete: Unser Angebot zur weiteren engen Partnerschaft gilt nur, wenn ihr unserem Weltbild folgt. … Auch wenn manche Schlagzeile das Ende der transatlantischen Partnerschaft verkünde – das Gegenteil sei der Fall, so Rubio. Europa bleibe Amerikas engster Partner.“ (5)
Es ist auch logisch, dass Rubio unmittelbar nach der Münchener Konferenz die Slowakei und Ungarn besucht hat. Die Schaffung des Europas, von dem Trump träumt, ist also in vollem Gange.
3. https://www.tagesschau.de/inland/merz-usa-trump-102.html
4. https://www.atlantik-bruecke.org/ein-transatlantischer-rechtsblock-wie-gross-ist-die-gefahr/; https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/rubio-rede-sicherheitskonferenz-100.html
5. https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/rubio-rede-sicherheitskonferenz-100.html