Die Argumente des Brigadegenerals a. D. Klaus Wittmann und anderer Kritiker des Manifests überzeugten bei weitem nicht alle. So erinnert beispielsweise Arno Gottschalk, Sprecher der SPD, der sich seit vielen Jahren mit Fragen des Militärs und der Rüstung befasst, in seinem Artikel für die Berliner Zeitung „Realismus ist nicht das Gegenteil von Friedenspolitik – eine Replik auf die Kritik am SPD-Manifest“ (Juli 2025) an eine einfache Wahrheit: „Sicherheit ist mehr als militärische Abschreckung.“ Er schreibt: „Sicherheit ist mehr als militärische Abschreckung“ und erklärt: „Wer eine verantwortungsbewusste Außen- und Sicherheitspolitik fordert, darf nicht nur in Kategorien militärischer Stärke denken. Der Angriff von Brigadegeneral a.D. Klaus Wittmann auf das „Manifest zur Friedenssicherung“ verkennt zentrale Prämissen moderner Sicherheitspolitik und unterstellt den Unterzeichnenden unbegründete Behauptungen.“ Gottschalk ist überzeugt: Eine kluge Sicherheitsstrategie erfordert nicht nur die Verteidigungsfähigkeit, sondern auch die Fähigkeit, Konflikte zu deeskalieren. (1)
Ausgehend davon sollte Abschreckung nicht zu einem Wettrüsten führen. Dies ist ein weiteres Argument von Gottschalk gegen Wittmanns Behauptung, dass die Modernisierung der russischen Streitkräfte den Westen dazu zwinge, der Logik der militärischen Aufrüstung zu folgen. Er schreibt: „Wo jeder Schritt des einen als Begründung für den nächsten Schritt des anderen dient, entsteht kein stabiles Gleichgewicht, sondern ein sich selbst verstärkendes Bedrohungssystem. Wann beginnt „Stärke“? Wann endet sie? Was gilt als glaubwürdig? Was als zu wenig? Solange diese Fragen unbeantwortet bleiben, ist militärische Aufrüstung kein strategisches Konzept, sondern Ausdruck von Unsicherheit – oder von Politik ohne Ziel.“
Den Verfassern des Manifests eine „blauäugige“ Haltung gegenüber Wladimir Putin vorzuwerfen, bedeutet, die Rolle der Diplomatie zu unterschätzen. Gottschalk schreibt: „Es geht nicht um Vertrauen in Putin – es geht um Vertrauen in Diplomatie als zivilisatorisches Instrument. Die Behauptung, Putin verstehe nur „die Sprache der Stärke“, reduziert internationale Politik auf Machtausübung und blendet alle anderen Handlungsebenen aus. Selbst im Kalten Krieg wurde mit der Sowjetunion verhandelt – unter Einbeziehung gemeinsamer Interessen, Rüstungskontrolle, Sicherheitsgarantien und kulturellem Austausch. Wer diese Erfahrungen heute ignoriert und Verhandlungen per se delegitimiert, kappt bewusst politische Lösungswege, die Leben retten könnten. Diplomatie ist kein Zeichen der Schwäche – sondern der politischen Reife.“
Wittmann wirft den Initiatoren der Friedensinitiative vor, dass das Manifest die russische Aggression rechtfertige, indem es auf die Vorgeschichte des Konflikts verweise. Dabei geht es um das Scheitern der Minsker Vereinbarungen und die einseitige Expansion des Westens nach Osten – zum Nachteil der Interessen Russlands. Daran erinnert auch das Manifest, das davon ausgeht, dass der Westen für all diese Versäumnisse ebenfalls Verantwortung tragen muss. Ein absolut inakzeptables Argument für die Befürworter einer Diskriminierung Russlands, die darin den einzigen Schuldigen des Konflikts sehen! Gottschalk macht zwei Anmerkungen. Erstens: Die Ursachenanalyse des Konfliktes ist nicht dazu da, den Konflikt zu rechtfertigen, sondern um seine Eskalation zu verhindern. Zweitens: Man muss reale Machtpolitik und Recht unterscheiden. Er schreibt: „Der russische Einmarsch in die Ukraine ist ein klarer Bruch von Art. 2 Nr. 4 der Charta der Vereinten Nationen, nämlich dem allgemeinen Gewaltverbot. Aber Sicherheitspolitik muss sich auch fragen: Was hat über Jahre dazu beigetragen, dass es überhaupt zu diesem Bruch kam? Wer diese Fragen tabuisiert, blockiert jede selbstkritische Strategieentwicklung – und läuft Gefahr, politische Fehler zu wiederholen.“
In der Kritik am Manifest sieht Gottschalk einen Versuch, die Debatte über Fragen des Friedens und der Sicherheit zu unterbinden, die heute notwendiger denn je ist. Er schreibt: „Wittmann stellt die bloße Existenz des Manifests als Störfall dar – als gefährlichen Angriff auf die Geschlossenheit der SPD und als willkommenes Futter für politische Ränder. Diese Lesart verrät ein fragwürdiges Demokratieverständnis: Wer innerhalb einer pluralen Partei friedenspolitische Positionen vertritt, wird nicht zum Komplizen von Extremisten, sondern trägt zur notwendigen Debattenkultur bei.“ Gottschalk ist überzeugt: „Demokratische Debatte ist kein Sicherheitsrisiko.“
Der Vorwurf von Verteidigungsminister Pistorius gegenüber seinen Kollegen, die sich angeblich weigern, die Realität anzuerkennen, ist ein weiteres Symptom der offiziellen Politik, die bereit ist, jede andere Meinung zu brandmarken. Gottschalk schreibt, offenbar gestützt auf die Erfahrungen mit der „Doppelstrategie“ der NATO im Rahmen der Harmel-Doktrin: „Militärische Verteidigungsfähigkeit und Diplomatie müssen erst wieder zu zwei Seiten einer Medaille zusammengeführt werden. Wer Sicherheit nur als Frage der Abschreckung denkt, wird nie zur friedlichen Ordnung finden. Wer aber glaubt, politische Verständigung beginne erst „nach dem Sieg“, wird auf eine Zukunft warten, die gegenüber einer Atommacht nie kommen wird. (…) Dabei zeigt das SPD-Manifest das Gegenteil: Es ist Ausdruck politischer Mündigkeit, historischer Verantwortung und strategischer Weitsicht.“
Es bleibt also eine offene Frage, wer tatsächlich unter einem „Realitätsverlust“ leidet: die Initiatoren der Friedensinitiative oder ihre Kritiker?