3. Amerikanischer Experte Josef Braml: auf der Wache der transatlantischen Einheit

Wie soll Deutschland auf Trumps Politik reagieren? Das ist die Hauptfrage, mit der sich Josef Braml, ein Kenner der amerikanischen politischen Küche, an die deutschen Bürger wendet: in seinen zahlreichen Artikeln, Büchern und Interviews. Die Hauptaufgabe von Braml als Generalsekretär der Deutschen Gruppe der Denkfabrik Trilaterale Kommission ist ganz klar: Er muss die transatlantische Einheit verteidigen, die durch Trumps Politik bedroht ist.

Seinem Wort wird Gehör geschenkt. Zumindest im politischen Handeln der deutschen Regierung unter der Führung von Merz lassen sich viele der Ideen und Thesen des amerikanischen Experten wiederfinden. Wenn man sich also mit dem ideellen Erbe des überzeugten Transatlantikers Braml vertraut macht, kann man die praktischen Schritte von Bundeskanzler Merz besser verstehen, der selbst zehn lange Jahre, von 2009 bis 2019, die Atlantik-Brücke leitete – das führende Gremium des Transatlantizismus in Deutschland.

Trump ist eine Bedrohung für die amerikanische Demokratie

Braml kann man keineswegs als Trump-Anhänger bezeichnen – er ist sein ideologischer Gegner. Dies geht aus all seinen analytischen Artikeln und veröffentlichten Büchern hervor. So schreibt Braml in seinem Buch „Trumps Amerika – auf Kosten der Freiheit: Der Ausverkauf der amerikanischen Demokratie und die Folgen für Europa“ (2016) über die Gefahr, die nach dem Einzug von Präsident Trump ins Weiße Haus über der westlichen Demokratie und Europa schwebt. Er begleitet seine Überlegungen mit Fragen: „Ist die freiheitliche Demokratie des Westens am Ende? Welche Folgen wird der erschreckend desolate Zustand der amerikanischen Gesellschaft für uns in Europa haben? Warum Amerika Donald Trump zum Präsidenten gewählt hat?“ Er sucht die Antwort auf diese Fragen in Trumps Fähigkeit, aus der Unzufriedenheit der Wähler, die sich von der Politik im Stich gelassen fühlen, Kapital zu schlagen, sowie in seiner Fähigkeit, über die grundlegenden Defizite der amerikanischen Wirtschaft und Politik zu spekulieren. (1)

Die letzte Frage, nämlich: „Warum Amerika Donald Trump zum Präsidenten gewählt hat?“, versucht Braml im Jahr 2022 in einem Artikel für das Rotary-Magazin „Bewährungsprobe für Amerikas Demokratie“ erneut zu beantworten. Diesmal führt er den Erfolg von Trumps Wahlkampf auf seine Fähigkeit zurück, aus dem amerikanischen Rassismus Kapital zu schlagen. „Vier Fünftel der amerikanischen Geschichte waren von Rassismus geprägt“, schreibt Braml und ist der Meinung, dass der Rassismus in Amerika bis heute anhält und der Gesellschaft großen Schaden zufügt. Und fügt hinzu: „Um die Präsidentschaftswahl erneut zu gewinnen, flirtet Trump weiterhin mit jenem Rassismus, der die Geschichte der USA durchzieht und bis heute Todesopfer fordert.“ (2)

Europa im Spannungsfeld zwischen den USA und China

Es ist auch ganz logisch, dass Braml für eine weitere Globalisierung der Weltprozesse eintritt und darin die einzige Möglichkeit des Weltfriedens sieht. In seinem Buch „Die Traumwandler: Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern“ (2023) beschreibt er drei mögliche Zukunftsszenarien: einen neuen Kalten Krieg mit massiven Wohlstandsverlusten, vor allem in den ärmsten Ländern, einen Dritten Weltkrieg oder doch die Globalisierung 2.0 mit einer Rückkehr zur globalen Kooperation. (3) Wie man so schön sagt: Entweder bleibt alles beim Alten, also bei der Vorherrschaft des Westens, oder es kommt zum globalen Krieg. Ganz im Sinne des Transatlantizismus, dessen ideeller Inspirator Braml ist.

Doch im Gegensatz zu den europäischen Transatlantikern der alten Formation, die sich ein Europa ohne US-Patronat nicht vorstellen können, hat Braml eine realistische Sicht der Dinge: Vergessen Sie die alten Zeiten! Amerika hat heute andere Sorgen, und zwar unabhängig davon, ob der Demokrat Biden oder der Republikaner Trump Präsident ist. „Die Hauptinteressen Amerikas liegen in Asien“, warnte Braml die Europäer im Oktober 2021, also kurz nachdem Biden die Präsidentschaftswahlen gewonnen hatte. In einem Artikel für das Rotary-Magazin mit dem Titel „Zwischen den Polen“ schreibt er: „Mit Chinas Aufstieg geriet die Region Asien-Pazifik ins Zentrum amerikanischer Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen. Im Januar 2021 wurde nunmehr ein bislang als geheim eingestuftes zehnseitiges Dokument vom Februar 2018 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, indem die US-Sicherheitsbehörden ihren „indopazifischen strategischen Rahmen“ abgesteckt hatten. Zu den Kerninteressen Amerikas gehöre demnach, den wirtschaftlichen, diplomatischen und militärischen Zugang Amerikas zu dieser bevölkerungsreichsten und wirtschaftlich interessantesten Region der Welt aufrechtzuerhalten.“ (4)

Braml macht keinen Hehl daraus, warum China mit seinen Ambitionen eine Bedrohung für Amerika darstellt: Es untergräbt die globale Hegemonie der USA. Und zwar: „Die schon seit Längerem gehegte Befürchtung amerikanischer Sicherheitsstrategen, China wolle in Ostasien eine exklusive Einflusssphäre etablieren, wird durch Chinas zunehmenden Expansionsdrang genährt: seine immer aggressiver werdenden Aktivitäten, eine Sicherheitszone zu errichten und die amerikanische Interventionsfähigkeit zu unterminieren.“ (5)

Eine Konfrontation zwischen den USA und China verheißt natürlich nichts Gutes. Braml schreibt: „Das individuelle Streben der beiden Protagonisten nach mehr Sicherheit erzeugt am Ende mehr Unsicherheit auf beiden Seiten.“ Aber es ist Europa, das am meisten unter einer solchen Konfrontation leiden wird: „Der Anspruch der USA, eine Weltordnung amerikanischer Prägung aufrechtzuerhalten, wird die innerlich geschwächte Weltmacht dazu verleiten, künftig Europas Sicherheitsinteressen noch mehr zu vernachlässigen. Denn sie wird ihre zunehmend knapper werdenden Ressourcen in der Region Asien-Pazifik bündeln, um dort der aufsteigenden Macht China zu begegnen, das in Ostasien Amerikas Hegemonie herausfordert.“ (6)

Deutschland könnte vor die Wahl gestellt werden: entweder mit Amerika oder mit China. Braml schreibt: „Im Ringen um technologische und wirtschaftliche Einflusssphären werden die USA den Druck auf abhängige Drittstaaten wie Deutschland verstärken, mit dem Entzug ihres militärischen und sicherheitsdienstlichen Schutzes drohen und sie vor die Wahl stellen, entweder mit Amerika oder mit China Geschäfte zu betreiben. Wenn nötig, werden einmal mehr wirtschaftliche Waffen wieder US-Dollar und Sekundär-Sanktionen in Stellung gebracht, um auch europäische Staaten zu zwingen, ihre wirtschaftlichen Interessen mit China preiszugeben.“ (7)

Außerdem sollte Europa bereit sein, Amerika eine Art Tribut dafür zu zahlen, dass es weiterhin unter seinem Schutz stehen will. Braml schreibt: „Gleichwohl werden die europäischen Verbündeten weiterhin – und seit Amerikas Hinwendung nach Asien umso stärker – mit der Forderung konfrontiert, mehr für ihre Sicherheit zu leisten. Wegen ihrer durch die Covid-19-Pandemie verschärften wirtschaftlichen Notlage und enormen Verschuldung werden die USA umso mehr versuchen, aus der ökonomischen und insbesondere militärischen Abhängigkeit ihrer Verbündeten in Europa Kapital zu schlagen. Wer sich selbst kein einsatzfähiges Militär leistet, muss wohl oder übel Tribut für die Pax Americana zollen – nämlich in der Währungs- oder Handelspolitik amerikanischen Interessen folgen. So lautet das nüchterne Kalkül Washingtons. Um das Wohlwollen der „Schutzmacht“ zu erwirken, dürfen Verbündete amerikanische Rüstungsgüter wie Kampfflugzeuge kaufen, damit technologisch abhängig bleiben und zudem das Handelsdefizit der USA verringern helfen. Ebenso werden die europäischen Alliierten aufgefordert, anstelle des billigeren russischen Gases mehr „Freiheitsgas“ aus den USA zu beziehen und für die zum Transport nötige Infrastruktur, etwa Flüssiggasterminals, zu bezahlen.“ (8)

Die transatlantische Illusion

Braml war wohl einer der ersten, der die Europäer vor dem möglichen Ende der klassischen transatlantischen Einheit warnte, also der Einheit, wie sie während des Kalten Krieges bestand. Im Artikel „Zwischen den Polen“ verurteilt er scharf das „Lamento“ der europäischen Transatlantiker über die Abkühlung der Beziehungen zwischen Amerika und Europa und schreibt: „Deutsche und europäische Politiker versuchen einmal mehr vom eigenen Versagen abzulenken, das darin besteht, dass Europa weiterhin nicht in der Lage ist, selbst in seiner Nachbarschaft für Sicherheit und Ordnung zu sorgen. Sie werfen Washington vor, seine Verbündeten wieder nicht bei einer eigentlich vorhersehbaren politischen Entscheidung konsultiert zu haben, die Europas Sicherheitsinteressen gefährdet. Nicht erst seit Amerikas Rückzug aus Afghanistan sollte jedoch Europas Regierungsverantwortlichen klar geworden sein, dass sich auch der Alte Kontinent nicht mehr auf die früheren Sicherheitsversprechen verlassen kann.“ (9)

Dabei beeilt sich Braml, die Hoffnungen der europäischen Transatlantiker zu begraben, dass Biden die Fehler Trumps in seiner ersten Amtszeit korrigieren wird: „An eine Wiederbelebung der Freihandelsgespräche mit den Europäern ist nicht zu denken. Im Gegenteil: Aus innenpolitischen Gründen fährt die Biden-Regierung gegenüber Europa Trumps protektionistischen Kurs fort, indem sie etwa die Strafzölle gegen Stahl- und Aluminiumimporte aus Europa aufrechterhält. Angesichts der ökonomischen und geopolitischen Perspektiven in der Wachstumsregion Asien-Pazifik werden der Alte Kontinent und die transatlantischen Freihandelsgespräche mit den Europäern künftig noch mehr ins Hintertreffen geraten.“ (10)

Darüber hinaus schließt Braml in demselben Artikel, also noch vor Bidens Wahlsieg 2021, eine Rückkehr Trumps ins Weiße Haus bei den Neuwahlen 2024 nicht aus. Er schreibt: „Es hätte nur wenige Stimmen in den entscheidenden „Swing States“ gebraucht und statt Joe Biden säße weiterhin Donald Trump im Weißen Haus. Niemand kann voraussagen, ob das Pendel bei den nächsten Wahlen im Herbst 2024 nicht in die andere Richtung ausschlägt. Trump hat die Republikanische Partei fest in der Hand. Es ist nicht auszuschließen, dass er wieder antritt. Aber auch wenn dem nicht so sein sollte: Andere republikanische Kandidaten könnten noch herausfordernder für Deutschland und Europa sein. Bleibt es bei der sicherheitspolitischen Abhängigkeit Europas von den USA, dann machen wir uns in der Konsequenz abhängig von den höchst volatilen Ergebnissen der amerikanischen Präsidentschaftswahlen – eine höchst riskante und wenig nachhaltige Strategie.“ (11)

Mit anderen Worten, es geht nicht mehr so sehr um Trump selbst, sondern vielmehr um die politische Idee des Trumpismus, die die für Europäer gewohnte transatlantische Einheit begraben könnte. Insbesondere reflektiert er darüber in seinem Buch „Die transatlantische Illusion: Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können“ (2022) und teilt seine Schlussfolgerungen bereitwillig mit der deutschen Öffentlichkeit. In seinem Artikel für „Die Politische Meinung“ (Portal der Konrad-Adenauer-Stiftung) mit dem Titel „Transatlantische Illusion. Warum Europa politisch, wirtschaftlich und militärisch selbstständiger werden muss“ weist er erneut auf die Grundidee des Buches hin: Die Hoffnung, dass der Krieg in der Ukraine den Westen vereinen wird, wie es zu Zeiten des Kampfes des Westens gegen den Kommunismus der Fall war, ist eine transatlantische Illusion. Er schreibt: „Angesichts des russischen Überfalls auf die Ukraine wirkt der Westen geschlossen wie lange nicht. Doch zu glauben, die USA würden unsere Interessen wie in der guten alten Zeit des Kalten Krieges mitvertreten, ist die transatlantische Illusion. Denn die Weltmacht ist heute innenpolitisch angeschlagen und wird sich außenpolitisch auf die Auseinandersetzung mit China konzentrieren.“ (12)

Europa unter der Führung Deutschlands, vorwärts!

Bereits 2022, nach Ablauf der ersten Amtszeit von Trump, sah Braml für Europa und Deutschland nur einen Ausweg: „Wenn die Europäische Union ein „Global Player“ und nicht Spielball anderer Mächte sein will, muss allen voran Deutschland seine Außenpolitik auch gegenüber den USA und China sowie seine Europapolitik entscheidend korrigieren. Die Bundesregierung wird grundlegende Fragen zur Neuorientierung deutscher Außenpolitik beantworten müssen, die jenseits der eigenen bundesdeutschen Komfortzone gestellt werden und bisherige Denk- und Arbeitsmuster der Berliner Republik überfordern.“ (13)

Für die Europäer wäre es besonders gefährlich, weiterhin der transatlantischen Illusion zu verfallen. Er schreibt: „Die Sicherheit, der Wohlstand und der soziale Frieden in Deutschland und Europa werden in Zukunft umso mehr von den Defiziten und Defekten der amerikanischen Demokratie beeinträchtigt, wenn Europas Regierungsverantwortliche weiterhin tatenlos abwarten und sich der transatlantischen Illusion hingeben, dass die Vereinigten Staaten wieder zu ihren alten Tugenden zurückfinden und auch Europas Interessen wahrnehmen würden.“ (14)

„Das Gegenteil ist realistischer“, meinte Braml schon 2022 und sah darin eine Chance für Europa: „Für Europa, das der ehemalige und möglicherweise künftige US-Präsident Donald Trump und seine republikanische Partei sogar offen als Rivalen betrachten, bedeutet diese bedrohliche Entwicklung auch eine Chance – die Gelegenheit nämlich, die eigenen Interessen und Werte souveräner wahrzunehmen. Wir müssen selbstständiger werden: militärisch, politisch und wirtschaftlich. … Wem die liberale, sprich regelbasierte Weltordnung am Herzen liegt, sollte nicht auf Washington oder den Weltgeist hoffen, sondern sein Schicksal mutig selbst in die Hand nehmen.“ (15)

Dieser Appell an die Europäer wird von Braml durch konkrete Empfehlungen ergänzt. Erstens muss Europa politisch noch enger zusammenwachsen und endlich Schluss machen mit dem Opportunismus einzelner Mitglieder der Europäischen Union. Er schreibt: „Es ist das Gebot der Stunde, Europas politische Einheit und damit auch den Wirtschafts- und Währungsraum im globalen geoökonomischen Wettbewerb zu stärken. Um ihre politische Anfälligkeit zu überwinden und ihre Handlungsfähigkeit zu verbessern und „weltpolitikfähig“ zu werden, sollte die Europäische Union auch in der Außen- und Sicherheitspolitik von der Illusion der Einstimmigkeit hin zu einer realistischeren Konsensfindung in Form einer qualifizierten Mehrheitsentscheidung finden.“ (16)

Zweitens muss Europa sein eigenes Sicherheitssystem schaffen und sich von alten Rezepten zur Stärkung der europäischen Sicherheit, beispielsweise im Rahmen der Ostpolitik, verabschieden. Braml schreibt: „Bestand die Herausforderung europäischer Russlandpolitik bislang darin, den strategischen Baustein „Wandel durch Annäherung“ auch ohne beziehungsweise gegen Washington anzuwenden, so könnte sich das Problem in Zukunft verschieben, hin zu der Frage, wie sich eine glaubwürdige Abschreckung ohne Washington aufrechterhalten lässt. Um Europas Sicherheit und Zusammenhalt strategisch zu gewährleisten, gilt es bereits heute, vorauszudenken und dementsprechend mutig zu handeln. Vertrauen in andere ist gut, eigene Verteidigungsfähigkeit ist besser. Es ist höchste Zeit, dass sich die Europäer neben vertrauensbildenden Maßnahmen gegenüber Russland auch über eigene, von den USA unabhängige militärische Fähigkeiten Gedanken machen – im konventionellen wie im nuklearen Bereich –, auch um Erpressungsversuchen oder gar Aggressionen der russischen Führung vorzubeugen.“ (17)

Braml gibt sogar Ratschläge, wie dies am besten zu bewerkstelligen ist: „Als Investition in die eigene Sicherheit sollten europäische Regierungen den seit 2017 bestehenden Verteidigungsfonds, den European Defence Fund (EDF), aufstocken, um Europas Verteidigungsfähigkeit zu verbessern und seine industrielle Basis zu erhalten. In den nächsten beiden Jahrzehnten sind umfangreiche Ressourcen – schätzungsweise bis zu 300 Milliarden Euro – für das geplante französisch-deutsche Luftkampfsystem, das Future Combat Air System (FCAS), vonnöten, um Europas Souveränität im militärischen Bereich und im IT-Sektor zu stärken.“ (18)

Mit anderen Worten: Europa muss militärisch stark genug sein, um einem „aggressiven Russland“ die Stirn bieten zu können, auch wenn die USA mit Trumps Amtsantritt ihre Politik ändern. Alle deutschen Versuche, als Friedensstifter aufzutreten, auch in den Beziehungen zu Russland, müssen verworfen werden. Die eigene Sicherheit ist wichtiger als die Suche nach dem ewigen Frieden! So lässt sich die wichtigste Empfehlung des amerikanischen Experten an die europäischen Politiker, die er ihnen bereits 2022 gegeben hat, kurz zusammenfassen.

Die Chimäre einer Annäherung zwischen Moskau und Washington

Das größte Hindernis auf dem Weg zu einem unabhängigen Europa könnte laut Braml eine Annäherung zwischen den USA und Russland sein, die den europäischen Interessen schaden würde. Europa ist schlichtweg nicht in der Lage, diesen beiden Mächten entgegenzutreten, wenn sie gemeinsam handeln. Braml schreibt: „Für die Weltenplaner in Washington wäre ein festes strategisches Bündnis zwischen Russland und China jedoch ein sehr bedrohliches Szenario. Bereits heute wären die USA nicht mehr in der Lage, einen Zweifrontenkrieg, also gegen Russland in Europa und gegen China in Asien, zu gewinnen. Das war bereits 2019 die Befürchtung von amerikanischen Verteidigungsbeamten und Militäranalysten. In Planspielen der Rand Corporation, des größten und renommiertesten amerikanischen Thinktanks, in denen Großmachtkonflikte simuliert wurden, wäre in einer gleichzeitigen Auseinandersetzung mit Russland und China eine Niederlage für die USA programmiert.“ (19)

Der Grund für all dies ist eine grundlegende Veränderung der geopolitischen Lage, die die Hoffnung des Westens, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine liberale Demokratie auf der Erde zu etablieren, begraben hat. Braml schreibt: „Nach dem Ende des Kalten Krieges waren die USA für einen historischen Moment die einzig verbliebene Supermacht, und es schien, als könnten sie den Globus nach ihrem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Modell neu ordnen. Das Wort vom „Ende der Geschichte“ machte die Runde. Und dies, obwohl das nach dem Untergang des Systemrivalen Sowjetunion von der westlichen Glaubensgemeinschaft gefeierte „Ende der Geschichte“ – der weltweite Sieg liberal-demokratischer Herrschaft und freier Marktwirtschaft – von der Geschichte schon seit geraumer Zeit auf ironische Weise widerlegt worden ist: Donald Trumps autoritäre Herausforderung der US-Demokratie und nationalistische Wirtschaftspolitik waren deutliche Anzeichen eines neuen Systemwettbewerbs zwischen der angeschlagenen Weltmacht USA und dem immer selbstbewusster auftretenden China.“ (20)

Das Ende der Geschichte ist nicht gekommen, denn das bolschewistische Russland mit seiner Konkurrenz zum liberalen Westen wurde durch einen neuen, nicht weniger gefährlichen Konkurrenten ersetzt – China. Braml schreibt: „Bezeichnenderweise ist es jener amerikanische Politikwissenschaftler, Francis Fukuyama, der seinerzeit vorschnell den endgültigen Sieg liberaler Demokratien und freier Marktwirtschaften prognostizierte, der heute elementare demokratische Defizite der westlichen Führungsmacht diagnostiziert. Die Unzulänglichkeiten der USA seien umso problematischer, weil sich ein neuer Konkurrent, China, anschicke, sein Gegenmodell zu exportieren. Die Geschichte geht also offenbar doch weiter, denn Fukuyama sieht nun eine neue „historische Auseinandersetzung“ um das „Schicksal Eurasiens“ im Gange: zwischen den USA und ihren westlichen Partnern auf der einen und China auf der anderen Seite.“ (21)

Aber auch hier hat Fukuyama einen Fehler gemacht, da er den Faktor „Russland“ außer Acht gelassen hat. Braml schreibt: „In seiner neuen Prognose konnte Fukuyama wiederum nicht vorhersehen, dass das von US-Präsident Obama als „Regionalmacht“degradierte Russland alles in seiner Militärmacht Stehende unternehmen würde, um den Lauf der Geschichte zurückzudrängen. Ebenso übersah der vom Siegeszug der Demokratien inspirierte Vordenker, dass Russlands Autokrat Putin durch eine wertegeleitete Außenpolitik von Obamas demokratischem Nachfolger Joe Biden weiter in die Arme der autokratischen Führung Chinas gedrängt werden würde.“ (22)

So stand Amerika schon unter Biden vor der Wahl: gemeinsam mit Russland gegen China, indem man einen Deal mit ihm macht, oder gegen Russland und China, gemeinsam mit seinen Partnern, einschließlich der europäischen Länder. Die zweite Option kam natürlich den Transatlantikern entgegen, die von der europäischen politischen Elite vertreten wurden. Aber Amerika hat die erste Option (gemeinsam mit Russland gegen China) nicht vergessen. Diese Annäherung beruht auf einer Idee, die bereits in der Zeit des Kalten Krieges erprobt wurde: einen schwächeren Gegner in die Falle zu locken, um ihm gegen einen stärkeren Feind zur Seite zu stehen. Damals war es das kommunistische China, das in den Kampf gegen die UdSSR hineingezogen werden musste. Heute müssen sie vertauscht werden.

Braml schreibt dazu: „Insofern ist es selbst nach Putins Waffengang in der Ukraine durchaus denkbar, dass sich die amerikanische Russlandpolitik in Zukunft wandelt und damit die Europäer erneut vor Probleme stellt – allerdings vor völlig andersgeartete: Analog zum machtpolitischen Kalkül des damaligen US-Sicherheitsberaters Henry Kissinger, der Präsident Nixon nahelegte, die Verbindung mit dem damals schwächeren China zu suchen, um die mächtigere Sowjetunion einzudämmen, könnte es laut neorealistischen Vordenkern wie John Mearsheimer heute ratsam sein, Russland zu umgarnen, um dem aufsteigenden und für die USA immer bedrohlicher werdenden China zu begegnen. Ebenso fordern selbst liberale Internationalisten wie Charles Kupchan, der am Council on Foreign Relations außenpolitische Ideen schmiedet, eine Kurskorrektur von der Biden-Regierung. Anstatt Russland und China mit einer moralisierenden Wertepolitik zusammenzudrängen, sollten US-Präsident Biden und seine europäischen Verbündeten ganz pragmatisch versuchen, Russland nach Westen zu locken. Bidens Offenheit für ein Sommertreffen (im Juni 2021) mit Putin sei ein erster Schritt in die richtige Richtung gewesen. Obwohl weitere Schritte nach Putins völkerrechtswidrigem Angriff auf die Ukraine – und Bidens rhetorischen Angriffen auf Putin (Stichworte: „Mörder“, „Völkermörder“) – nicht einfacher werden dürften, haben die USA laut Kupchan „eine beeindruckende Bilanz“ auch mit „unappetitlichen Regimen“ eine gemeinsame Basis zu finden.“ (23)

Wie Sie wissen, bevorzugten die Demokraten, vertreten durch Biden, die zweite Option: Die Vereinigten Staaten stürzten sich zusammen mit ihren Partnern auf das „aggressive Russland“, in der Hoffnung, es mit Hilfe ukrainischer Soldaten auf dem Schlachtfeld zu besiegen. Mit wenigen Ausnahmen haben sich die europäischen Länder aktiv dem Stellvertreterkrieg der USA gegen Russland angeschlossen. China wurde in den Hintergrund gedrängt – bis zum strategischen Sieg über Russland.

Es scheint, dass die Transatlantiker ihren Sieg feiern sollten. Doch dann geschah das, was Braml am meisten befürchtet hatte: Trump kehrte ins Weiße Haus zurück. Damit stiegen die Chancen für eine Rückkehr Amerikas zur ersten Option: gemeinsam mit Russland gegen China. Es geschieht das, wovor Braml bereits 2022 gewarnt hat: „Europa insgesamt könnte so eine Erfahrung machen, mit der die osteuropäischen Staaten historisch bereits vertraut sind, nämlich dass die eigenen Interessen einem „Deal“ größerer Mächte geopfert werden.“ (24)

In Erwartung der Rückkehr der Demokraten ins Weiße Haus

Die Transatlantiker leben in der Hoffnung, dass die Ära Trump irgendwann zu Ende geht und die Demokraten an die Macht kommen. Darüber hinaus kann der eingeschlagene Kurs der Militarisierung Europas, der nach den Vorstellungen der europäischen Transatlantiker Europa die Möglichkeit geben soll, mit Amerika auf Augenhöhe zu sprechen, nur dann Früchte tragen, wenn die Demokraten an die Macht kommen. Ohne die USA wäre es schlichtweg Wahnsinn, mit Russland, das über ein enormes Atomwaffenpotenzial verfügt, Kriegsspiele zu spielen. Das ist für alle offensichtlich, auch für die Transatlantiker. Deshalb besteht ihre Hauptaufgabe in der Ära Trump darin, seiner Politik nach Möglichkeit entgegenzuwirken, ihm sozusagen das Leben schwer zu machen und damit die Rückkehr der Demokraten ins Weiße Haus zu beschleunigen. Die Weigerung, Trumps Friedensinitiativen in der Ukraine zu folgen, ist ein anschauliches Beispiel dafür.

Das ist wohl die größte Spannung in der aktuellen europäischen Politik. In Trumps erster Amtszeit hing die politische Elite Europas weiterhin hinter der amerikanischen Politik zurück und atmete erst nach dem Sieg des Demokraten Biden über den Republikaner Trump erleichtert auf. Europa hat die Chance verpasst, unabhängiger zu werden und sein wirtschaftliches und politisches Potenzial auszubauen. Anstelle von Wirtschaftswachstum – wirtschaftlicher Abschwung. Anstelle einer Stärkung des Einflusses in der Welt – geopolitische Isolation. Anstelle einer politischen Einheit der EU auf der Grundlage des Mehrheitswillens – wachsende nationale Ambitionen. War es das, was der Ideologe des Transatlantizismus Braml im Jahr 2022 mit seinem Aufruf an die Europäer, sich von transatlantischen Illusionen zu befreien, erreichen wollte?

Ob es den Transatlantikern gelingen wird, Trumps zweite Amtszeit als Präsident zu überstehen, ist eine große Frage. Das Team von Trump weiß genau, wer ihre Initiativen in der Ukraine in letzter Zeit am meisten behindert. Dass Deutschland und die EU gegen Trump sind, ist schon klar. Die Reaktion Amerikas auf diese Form der Selbstständigkeit war ziemlich vorhersehbar: Es bringt Europa bei, sich richtig zu verhalten, unter anderem durch wirtschaftlichen Druck, durch die Botschaft des amerikanischen Vizepräsidenten Vance auf der Münchner Konferenz im Februar 2025 und durch eine neue nationale Sicherheitsstrategie.

Es wäre naiv, Trump als typischen Anti-Transatlantiker zu betrachten. Er braucht Europa für seine eigenen Ziele und baut daher Beziehungen zu Europa auf, die bei weitem nicht immer mit den Interessen der klassischen Transatlantiker auf beiden Seiten des Atlantiks übereinstimmen. Aber das ist ein anderes Thema.

1. https://www.amazon.de/Trumps-Amerika-Ausverkauf-amerikanischen-Demokratie/dp/3869950943

2. Josef Braml: „Bewährungsprobe für Amerika Demokratie“, in: Rotary-Magazin, 01.12.2022.

3. https://www.amazon.de/Die-Traumwandler-Weltkrieg-schlittern-Paperback/dp/3406807194

4. Josef Braml: „Zwischen den Polen“, in: Rotary-Magazin, 30.09.2021.

5. Ebenda

6. Ebenda

7. Ebenda

8. Ebenda

9. Ebenda

10. Ebenda

11. Josef Braml: „Sicherheit vor dem ewigen Frieden“, in: Rotary-Magazin, 01.06.2022.

12. https://www.kas.de/de/web/die-politische-meinung/artikel/detail/-/content/transatlantische-illusion

13. Josef Braml: „Zwischen den Polen“, in: Rotary-Magazin, 30.09.2021.

14. https://www.kas.de/de/web/die-politische-meinung/artikel/detail/-/content/transatlantische-illusion

15. Ebenda

16. Ebenda

17. Josef Braml: „Sicherheit vor dem ewigen Frieden“, in: Rotary-Magazin, 01.06.2022.

18. Ebenda

19. Ebenda

20. Ebenda

21. Ebenda

22. Ebenda

23. Ebenda

24. Ebenda