Huntingtons Logik der multipolaren Welt

Brzezinski teilt die Francis Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“ und baut seine Logik der einzigen Weltmacht auf der Basis der Prämisse auf, dass in der unipolar gewordenen Welt die west-liberale Demokratie eine alternativlose Option für die friedliche Weltordnung ist. Ganz andere Perspektive der Zukunft zeichnet Samuel Huntington im fundamentalen Traktat „The Clash of Civilizations“ (1996), der auf Deutsch auf Grund des Sprachverbrauchs von Begriffen „Zivilisation“ und „Kultur“ mit Titel „Kampf der Kulturen“ übersetzt wurde. Huntington macht die Zivilisationen (Kulturkreisen) zu den Hauptakteuren der Zukunft und fasst seine höchst wichtige These in den folgenden Satz zusammen: „Konflikte von Zivilisationen sind die größte Gefahr für den Weltfrieden, und eine auf Zivilisationen basierende internationale Ordnung ist der sicherste Schutz vor einem Weltkrieg.“ Er betont: „Ein weltweiter Kampf der Kulturen kann nur vermieden werden, wenn die Mächtigen in dieser Welt eine globale Politik akzeptieren und aufrechterhalten, die unterschiedliche kulturelle Wertvorstellungen berücksichtigt.“ (1)

Huntington präsentiert sein Buch nicht als ein sozialwissenschaftliches Werk, sondern vielmehr als eine Interpretation der Entwicklung der globalen Politik nach dem Kalten Krieg, also als eine Hypothese. Diese Hypothese teilt er aber auf ganz konkrete, plausible und genug einfache Thesen, die als die Logik einer multipolaren Welt erfasst werden können. Unten ist ein solcher Versuch.

Huntingtons Logik der multipolaren Welt in Thesen:

Die neuen Konflikte in der globalen Politik sind Konflikte zwischen Kulturen

Kulturelles Paradigma prägt die neue Weltpolitik

Zivilisationen sind die wichtigsten Akteure der neuen Weltpolitik

Der Westen verliert an relativem Einfluss

Dem Westen fehlt es an Machtressourcen, um in der Welt allein zu regieren

Das westliche Projekt einer universalen Zivilisation ist Utopie

Nichtwestler bevorzugen Modernisierung ohne Verwestlichung

Modernisierung ohne Verwestlichung in den nichtwestlichen Gesellschaften beschert kulturelles Selbstbewusstsein und wird zum Motor der Wirtschaftsentwicklung

Das Wiederaufleben nichtwestlicher Kultur ist Reaktion auf Verwestlichung

Verwestlichung gerät in Konflikt mit der Entwicklung der Demokratie

Militärische Überlegenheit des Westens garantiert keine globale Sicherheit

China ist auf dem Weg, eine dominierende Macht in Ostasien zu werden

Der Konflikt zwischen islamischen und westlichen Kulturen ist zugespitzt

Russland soll als Kernstaat der Orthodoxie und große Regionalmacht mit legitimen Sicherheitsinteressen an seinen südlichen Grenzen akzeptiert werden

Die Zukunft des Westens hängt davon ab, ob es ihm gelingt, die eigene, westliche Identität zu bekräftigen und seine Kultur zu erneuern

1. Huntington, Samuel P.: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, Wilhelm Goldmann Verlag, 2002, S. 12, 20.