Es ist erstaunlich, wie viele Parallelen zwischen Konzepten der Zukunft, die nach Zerfall der Sowjetunion geschrieben wurden, und Schmitts Überlegungen zur Weltentwicklung, die er noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts in seinen Werken formulieren lässt, gezogen werden könnte. Unten ist eine Einführung in das Thema.
Schmitts Überlegungen zur Weltentwicklung in kurzen Thesen:
Planetarische Raumrevolution des 16. Jahrhunderts machte Europa zum Zentrum der Welt
Mensch ist ein Landwesen. Wasser ist die Wiege der Zivilisation
Technischer Fortschritt steht im Grunde einer weltgeschichtlichen Wende
Seeschäumer machten England zur Seemacht
Calvinismus wurde zur kämpferischen Religion der neuen Epoche
Seemacht denkt sich nur als Weltmacht
Die Macht der See geht zu Ende
Im Mittelpunkt des neuen Nomos der Erde steht Großraum
„Die Weltgeschichte ist eine Geschichte des Kampfes von Seemächten gegen Landmächte und Landmächten gegen Seemächte“, schreibt Carl Schmitt in seiner Erzählung „Land und Meer“ (1942). „Was bedeutet das?“, fragt seinerseits französischer Publizist Alain de Benoist in seiner Broschüre „Carl Schmitts ‚Land und Meer‘“ (2019), wo er die wichtigen Schmitts Überlegungen zur Weltentwicklung analysieren lässt. Die Idee, dass Land und Meer miteinander ringen, bemerkt Benoist, ist an sich nicht neu, noch Oswald Spengler hat in seinem Werk „Jahre der Entscheidung. Deutschland und die weltgeschichtliche Entwicklung“ (1933) den „alten Weltkampf um den Vorrang von Meer oder Land“ beschwor. Doch es gibt einen prinzipiellen Unterschied. Benoist schreibt: „Die Geschichte der Welt erschöpft sich bei Schmitt nicht wie bei Spengler in einer Aufeinanderfolge der Kulturen. Sie ist vor allem eine Reihe von ‚Landnahmen‘, die einen Nomos der Erde hervorgebracht haben, eine generelle Organisation und Neu-Organisation der Welt.“ (1)
Benoist schreibt seine Broschüre einfach und kompakt, genauso wie Schmitt seine Erzählung über Land und Meer geschrieben hat, gewidmet seiner Tochter Anima. Der Unterschied zwischen diesen zwei einfach geschriebenen Kleinbüchern besteht aber darin, dass Benoist zu seiner Analyse die breite Palette von Schmitts Publikationen einbezieht, unter anderem sein fundamentales Traktat „Der Nomos der Erde“ (1950). Das hilft ihm, den dialektischen Charakter der Weltgeschichte aus dem Blinkwinkel der Gegenwart zu verfolgen und die Aktualität des Schmitts Gedankengutes nochmals zu bestätigen.
Wie immer, auch bei der Frage der Weltentwicklung, wendet sich Schmitt dem „Sinn der Sache“ zu und kehrt zum griechischen Wort „Nomos“ zurück, das „ für die erste, folgenden Maßstäbe begründete Messung, für die erste Landnahme als die erste Raum-Teilung und -Einteilung, für die Ur-Teilung und Ur-Verteilung ist“. Die Bedeutung dieses Wortes in seinem „ursprünglichen, raumhaften Sinn“ ist für Schmitt deshalb sehr wichtig, weil es am besten geeignet ist, „den grundlegenden, Ortung und Ordnung in sich vereinigenden Vorgang zum Bewusstsein zu bringen“. Schmitt stellt sich die Aufgabe, „dem Wort seine erste Kraft und Größe zurückgeben, obwohl es m Laufe der Zeit, und schon in der Antike, seinen ursprünglichen Sinn verloren hat und schließlich zu einer substanzlosen, allgemeinen Bezeichnung jeder irgendwie gesetzten oder erlassenen, normativistischen Regelung und Anordnung herabgesunken ist“. In solchem Gebrauch des Wortes sah Schmitt „Missbrauch von Setzungen und Gesetzlichkeiten“, die im 20. Jahrhundert offensichtlich geworden wurde. (2)
In der Schmitts Konstruktion der Weltgeschichte spielt also der Begriff „Nomos“ eine zentrale Rolle. Er schreibt: „Solange die Weltgeschichte noch nicht abgeschlossen, sondern noch offen und in Bewegung ist, solange die Zustände noch nicht für immer fixiert und versteinert sind, solange, mit anderen Worten, die Menschen und die Völker noch eine Zukunft und nicht nur eine Vergangenheit haben, wird auch in den immer neuen Erscheinungsformen weltgeschichtlicher Ereignisse ein neuer Nomos entstehen“. (3)
In seinem „ursprünglichen, raumhaften Sinn“ bedeutet Nomos die „Nehmen, Teilen und Weiden“, die sich von dem griechischen Zeitwort nemein kommt. In einer Kurzfassung heißt es: „Nemein ist erstens dasselbe wie: Nehmen. Infolgedessen bedeutet Nomos erstens: die Nahme…. Die Nahme ist zuerst Landnahme, später auch Seenahme, wovon in unserer weltgeschichtlichen Betrachtung viel die Rede ist, und in industriellen Bereich Industrienahme, d. h. Übernahme der industriellen Produktionsmittel. Nemein bedeutet zweitens: das Teilen und Verteilen des Genommenes. Nomos ist also zweitens: die grundlegende Teilung und Verteilung des Bodens und die darauf beruhende Eigentumsordnung. Die dritte Bedeutung ist: Weiden, d.h. Nutzung, Bewirtschaftung und Verwertung des bei der Teilung erhaltenen Bodens, Produktion und Konsumtion. Nehmen-Teilen-Weiden sind in dieser Reihenfolge die drei Grundbegriffe jeder konkreten Ordnung. (4)
Das führt zu einer zentralen Schmitts These, die lautet: „Jede Grundordnung ist eine Raumordnung. Man spricht von der Verfassung eines Landes oder eines Erdteils als von seiner Grundordnung, seinem Nomos. Nun, die wahre, eigentliche Grundordnung beruht in ihrem wesentlichen Kern auf bestimmten räumlichen Grenzen und Abgrenzungen, auf bestimmten Maßen und einer bestimmten Verteilung der Erde.“ (5)
Daraus zieht Benoist eine verständliche Schlussfolgerung über die weltgeschichtliche Bedeutung des Wortes „Nomos“: „Der Nomos ist also nicht das Gesetz – weshalb man diesen Begriff nicht ins Lateinische lex übertragen kann, ohne ihn zu verstümmeln -, sondern die Vorbedienung, dass überhaupt ein Gesetz entstehen kann, ‚ein konstituierendes geschichtliches Ereignis, ein Akt der Legitimität, der die Legalität des bloßen Gesetzes überhaupt erst sinnvoll macht.‘“ (6)
Den ersten und bis heute geltenden Nomos der Erde verbindet Schmitt mit der planetarischen Raumrevolution, die nach Entdeckung Amerikas die menschliche Vorstellung um Raum und die Existenz der Menschen grundsätzlich geändert hat. Dies war eine Epoche der großen Landnahme der Neuen Welt, die drei Grundprinzipien der neuen Ordnung, also Nehmen, Teilen und Weiden, legte und den Nomos der Erde für die nächsten Jahrhunderte bestimmte. Schmitt schreibt: „Während auf der Landseite des geschichtlichen Geschehens eine Landnahme größten Stiles vor sich ging, vollendete sich zur See die andere, nicht weniger wichtige Hälfte der Neuverteilung unseres Planeten. Das geschah durch die britische Seenahme. Sie ist auf der Meeresseite das Ergebnis des gesamteuropäischen Aufbruchs dieser Jahrhunderte. Durch sie ist die Grundlinie der ersten planetarischen Raumordnung bestimmt, deren Wesen in der Trennung von Land und Meer liegt. Das feste Land gehört jetzt einem Dutzend souveräner Staaten, das Meer gehört niemand oder allen oder in Wirklichkeit schließlich nur einem: England. Die Ordnung des festen Landes besteht darin, dass es in Staatsgebiete eingeteilt ist; die hohe See dagegen ist frei, d.h. staatsfrei und keiner staatlichen Gebietshoheit unterworfen. Das sind die raumhaften Grundtatsachen, aus denen sich das christlich-europäische Völkerrecht der letzten dreihundert Jahre entwickelt hat. Das war das Grundgesetz, der Nomos der Erde in dieser Epoche.“ (7)
Was eine Raumrevolution ist, erklärt Schmitt in einem, auch von Benoist gern zitierten Abschnitt in Land und Meer: „Jedesmal wenn durch einen neuen Verstoß geschichtliche Kräfte, durch eine Entfesselung neuer Energie, neue Ländern und Meere in den Gesichtskreis des menschlichen Gesamtbewusstseins eintreten, ändert sich auch die Räume geschichtlicher Existenz. Dann entstehen neue Maßstäbe und Dimensionen der politisch-geschichtlichen Aktivitäten, neue Wissenschaften, neue Ordnungen, neues Leben neuer oder wiedergeborener Völker. Die Erweiterung kann so tief und überraschend sein, dass sich nicht nur die Maße und Maßstäbe, nicht nur der äußere Horizont der Menschen, sondern auch die Struktur des Raumbegriffes selber ändert. Dann kann man von einer Raumrevolution sprechen.“ (8)
Schon damals, im Jahr 1942, wenn Schmitt seiner Tochter Anima über die Verhältnisse zwischen Land und Meer erzählte, sah er die Zeichen der globalen Veränderungen, die der neue Nomos der Erde „unaufhaltsam und unwiderstehlich“ wachsen lässt. Mit seinem charakteristischen Optimismus schreibt er: „Viele werden darin nur Tod und Zerstörung erblicken. Manche glauben, das Ende der Welt zu erleben. In Wirklichkeit erleben wir nur das Ende der bisherigen Verhältnisse von Land und Meer. Doch die menschliche Angst vor dem Neuen ist oft ebenso groß wie die Angst vor dem Leeren, auch wenn das Neue die Überwindung des Leeren ist. Daher sehen jene Vielen nur sinnlose Unordnung, wo in Wirklichkeit ein neuer Sinn um seine Ordnung ringt. Der alte Nomos entfällt freilich und mit ihm ein ganzes System überkommener Maße, Normen und Verhältnisse. Aber das Kommende ist darum doch noch nicht nur Maßlosigkeit oder ein nomosfeindliches Nichts. Auch in dem erbitterten Ringen alter und neuer Kräfte entstehen gerechte Maße und bilden sich sinnvolle Proportionen.“ (9)
Genau heute, nach dem Ende des Kalten Krieges, wenn sich die Zustände der Weltordnung grundsätzlich geändert sind, nimmt die Schmitts Vorstellung über die Weltentwicklung eine hervorragende Rolle an. Einerseits scheint es so, dass es bis heute noch nicht klar ist, wie die Weltordnung in der Zukunft tatsächlich organisiert wird: Der Streit zwischen Brzezinskis Logik der einzigen Supermacht Amerikas und Huntingtons Logik der multipolaren Welt ist noch nicht beendet. Es wächst wieder massiv die menschliche Angst vor der unsicheren Zukunft, wie es im Höhepunkt des Zweiten Weltkrieges war. Die neue Sicherheitsordnung bekam noch keine namentliche Bestätigung, wie es nach dem Westfälischen Frieden (1648), dem Wiener Kongress (1815), dem Friedensvertrag von Versailles (1919) und der Konferenz von Jalta (1945) war. Auch die Konturen der neuen Raumrevolution, die heute, wie im 16. Jahrhundert, einen planetarischen Charakter trägt, sind noch nicht vollendend markiert.
Anderseits verschärft sich wieder die von Schmitt aufgeworfene Grundfrage nach der zukünftigen Entwicklung der Welt, nämlich die Frage, „ob der Planet reif ist für das globale Monopol einer einzigen Macht, oder ob ein Pluralismus in sich geordneter, koexistierender Großräume, Interventionssphären und Kulturkreise das neue Völkerrecht der Erde bestimmt“. Selbst Schmitt war skeptisch zur Perspektive der Einrichtung eines einheitlichen Weltstaates. Benoist nennt als Beispiel eine mit bemerkenswerter Voraussicht geschrieben Schmitts Bemerkung von 1952, wo steht: „Wenn es für uns heute kein anderes Geschichtsbild gäbe als das philosophische Programm der letzten zwei Jahrhunderte, so wäre die Frage nach der Einheit der Welt in der Tat längst entschieden. Dann könnte auch die Zweiheit der heutigen Weltlage nichts anderes sein als der Übergang zur planetarischen Einheit der reinen Technizität. … Ich glaube es nicht. … Aber wie die Erde größer bleibt als das Dilemma der dualistischen Fragestellung, ebenso bleibt die Geschichte stärker als jede Geschichtsphilosophie, und deshalb hatte ich die heutige Zweiheit der Welt nicht für eine Vorstufe ihrer Einheit, sondern für einen Durchgang zu einer neuen Vielheit.“ (10)
Benoist ergänzt: „Der Zerfall des sowjetischen Systems, der gescheiterte Versuch der USA, eine ‚Neue Weltordnung‘ zu errichten, die zunehmende Bedeutung der Entwicklungsländer, der Wiederaufstieg Chinas, Russlands und Indiens haben diese Prophetie bestätigt.“ (11)
Desto wichtiger ist Schmitts Optimismus, mit dem er die Entwicklung der Welt konstruiert. Seine einfache Darstellung der Beziehung zwischen Land und Meer, ergänzt durch nicht minder komplexe Argumentation von Benoist, regt zum Nachdenken über die Zukunft der Welt an, ohne sich dabei in einem wissenschaftlichen Diskurs zu versinken.
1. Benoist, Alain de: Carl Schmitts „Land und Meer“, Verlag Antaios – Schnellroda, 2019, S. 16-17, 23-24.
2. Schmitt, Carl: Der Nomos der Erde im Völkerrecht des Jus Publicum Europaeum, Duncker&Humbolt GmbH, Berlin, 5. Auflage 2011,S. 36.
3. Ebenda, S. 48.
4. Schmitt, Carl: Land und Meer, Duncker & Humbolt, Berlin, Dritte Auflage, 1968, S. 71.
5. Ebenda, S. 71.
6. Benoist, Alain de: Carl Schmitts „Land und Meer“, S. 59-60.
7. Schmitt, Carl: Land und Meer, S. 86.
8. Ebenda, S. 56-57.
9. Ebenda, S. 107.
10. Benoist, Alain de: Carl Schmitts „Land und Meer“, S. 68.
11. Ebenda, S, 68-69.