Ostdeutschland und Russland: Freundschaft für die Ewigkeit

Die Sympathie der Ostdeutschen für Russland ist durchaus verständlich und erklärbar. Zunächst einmal handelt es sich um die enge wirtschaftliche, politische und kulturelle Zusammenarbeit zwischen der DDR und der UdSSR über vierzig Jahre hinweg, die unabhängig von ihrer ideologischen Grundlage zu großen und kleinen Bindungen auf rein menschlicher Ebene führte. Der gemeinsame Aufbau der Druschba-Ölpipeline, die aktive Arbeit der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF), touristische Reisen, das Studium der russischen Sprache und das Kennenlernen der russischen Literatur und Kultur durch DDR-Schüler, die Korrespondenz mit neuen Freunden aus den Republiken des riesigen Landes und vieles andere mehr prägten ein persönliches, unpolitisches Bild von den Russen – vielleicht etwas kritisch, wegen der Eigenheiten der russischen Realität, aber insgesamt positiv. Sie übernahmen wortwörtlich die Zeilen aus Jewgeni Jewtuschenkos Gedicht „Wollen die Russen den Krieg?“ und stützten sich dabei auf persönliche Erfahrungen und ihr eigenes Verständnis des Charakters des russischen Menschen.

Diese persönliche Sicht auf die Russen ist heute nicht leicht zu erschüttern, trotz der beispiellosen Anstiftung von Russophobie in den deutschen Medien. So wirft zum Beispiel die Ermordung von Zivilisten in Butscha, die von der deutschen Presse – nach der ukrainischen Auslegung – als eklatante Gräueltat russischer Soldaten dargestellt wurde, bei der älteren Generation der Ostdeutschen eine Menge Fragen auf. Es ist nicht leicht, an die bestialische Natur der Russen zu glauben, wenn man sie nicht nur aus der offiziellen Presse kennt. Noch schwieriger ist es, zu glauben, dass Russland ein rücksichtsloser Aggressor ist und dass sein Präsident Putin, der von der Mehrheit der Bevölkerung unterstützt wird, der Teufel der Hölle ist.

Die Konstruktion des Russlands, das der politisch-mediale Mainstream in letzter Zeit mit hartnäckiger Beharrlichkeit zeichnet, entspricht eindeutig nicht der persönlichen Wahrnehmung der Ostdeutschen von Russland und Russen. „Es gibt keine Region in ganz Europa, die so kremlnah ist wie Ostdeutschland“, sollte der Historiker und Publizist Ilko-Sascha Kowalczuk bestätigen, der als einer der besten Kenner der DDR-Geschichte gilt. Die Frage, wieso die Ostdeutschen Putins Vorgehen beklatschen, ist für ihn außerordentlich wichtig, weil sie gerade den Kern der politischen Krise in Deutschland trifft, und zwar die Krise der deutschen Demokratie. In einem Interview mit der Zeitschrift GEO Epoche, die ihre nächste Ausgabe den bedauerlichen Ergebnissen der 35-jährigen Wiedervereinigung Deutschlands gewidmet hat, sagte er: „Der Beifall für Putin und den Kreml ist vor allem ein Symbol für die Ablehnung der bundesdeutschen repräsentativen Demokratie, einem Modell, das im Osten viele bis heute nicht verstanden haben.“ Gleichzeitig glaubt Kowalczuk, dass die Ostdeutschen an allem selbst schuld sind. Er sagte: „Die Mehrheit im Osten glaubte, dass der Westen so funktioniert wie die Werbung, alles blütenrein weiß. Die Menschen haben sich selbst getäuscht – und waren dann umso enttäuschter über das, was kam.“ (1)

Dirk Oschmann geht in seinem Buch „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“ nicht auf diese allgemein bekannte Tatsache ein, sondern erforscht die Gründe für die Desillusionierung der Ostdeutschen mit der westlichen Demokratie. In seiner Untersuchung finden sich viele Parallelen zwischen der Demokratisierung Ostdeutschlands nach seiner Eingliederung in die BRD, die er als Okkupation bezeichnet, und den Versuchen des Westens, Russland nach dem Kalten Krieg in seine Gemeinschaft zu integrieren. Vieles von dem, was die Ostdeutschen nach der deutschen Wiedervereinigung erlebten, mussten auch die Russen erfahren. Das ist vielleicht der Hauptgrund dafür, dass Ostdeutschland eine völlig andere Sicht auf alles hat, was heute in Russland und der Ukraine passiert, als der Westen.

Die Schocktherapie der 1990er Jahre

Sowohl den Russen als auch den Ostdeutschen wurde vom Westen lange Zeit beigebracht, seine „verbotenen Früchte“ zu lieben. Für viele Russen war das Vorbild Amerika, für die Ostdeutschen war es die BRD. Jeans, Schallplatten und illustrierte Zeitschriften aus dem Ausland waren für die Russen Symbole eines anderen Lebens, frei von Knappheit in den Geschäften. Sie bekamen zwar keine Pakete von Verwandten aus der BRD, wie Oschmann und viele Familien in der DDR, aber das Land florierte mit vom Staat verfolgten Wiederverkäufern, und westliche Radiosender sendeten auf Russisch über das freie und märchenhafte Leben im Westen.

Wie die Russen hatten auch die Ostdeutschen ein ambivalentes Bild vom Westen. Einerseits war der Westen ein Klassenfeind, der für alles Böse in der Welt verantwortlich war. Aber in privaten Gesprächen, und das war meist die Küche, wurde der Westen oft als das gelobte Land dargestellt. Wie es Oschmann beschreibt: „Die Kleidung war eleganter, die Autos schneller und schnittiger, die Süßigkeiten schmeckten besser, und man konnte ein weithin selbstbestimmtes, freies Leben führen, in das sich der Staat nicht permanent einmischte. Ohne dieses Bild, diese Illusion, diese Erwartung wäre die Revolution mit dem Wunsch nach Wiedervereinigung nicht denkbar gewesen. Man war nicht so naiv, an diese Illusion ernsthaft zu glauben, aber es bedurfte der von ihr ausgehenden Energie, das politische System zu Fall zu bringen.“ (2)

Viele Russen erlebten eine ähnliche Illusion während der Perestroika von Gorbatschow. Dann kam die Euphorie des Wandels. Natürlich erlebten die Russen nicht die Euphorie, die die Ostdeutschen nach der deutschen Wiedervereinigung erlebten. Aber der Geist der Veränderung in den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion füllte die Segel ihres neuen Lebens. Der erste russische Präsident, Boris Jelzin, versprach dem russischen Volk nach westlichem Vorbild Freiheit und Wohlstand. Bundeskanzler Kohl hatte ein ähnliches Programm und versprach ein Wirtschaftswunder für das vereinte Deutschland – nach dem Vorbild des Wirtschaftswunders in der BRD nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Sein West-CDU-nahestehendes Parteienbündnis „Allianz für Deutschland“ mit dem Motto: „Nie wieder Sozialismus. Ja! Freiheit und Wohlstand“ gewinnt im März 1990 die ersten freien Wahlen in der DDR. Man könnte sagen, dass die BRD-Regierung durch das Versprechen eines Wirtschaftswunders den Machtwechsel in der DDR legitimiert hat.

Aber im wirklichen Leben verlief nicht alles nach Plan. Schon die ersten Schritte der neuen Regierung zur Reform der Wirtschaft der ehemaligen DDR waren für die Ostdeutschen eine kalte Dusche. Mit der Aufgabe, die Planwirtschaft in den freien Markt zu transformieren, wurde eine eigens dafür geschaffene Treuhandanstalt betraut, die sich bald zur Privatisierungsbehörde des Staatseigentums der ehemaligen DDR entwickelte. An der Spitze der Stiftung stand der nordrhein-westfälische Manager Karsten Rohwedder, der die Aufgabe mit seinem typisch westdeutschen Unternehmergeist anging. Unter das Privatisierungsmesser kamen zuerst die erfolgreichsten DDR-Betriebe, wie der Dresdener Fotoapparate-Hersteller Pentacon, die im Ausland ihren eigenen Markt hatte. Die Zeitschrift GEO EPOCHE schreibt: „Selbst marktradikal, habe Rohwedders Anstalt Ostdeutschland in ein Eldorado für Westkonzerne, Glücksritter und Betrüger verwandelt. Aus dieser Perspektive ist die Geschichte der Treuhand die Geschichte einer Enteignung und Verwüstung ohne Skrupel, ohne Mitgefühl, ja ohne Verstand.“ (3)

Das Schicksal bestrafte Rohwedder für seinen Übereifer: Am 1. April 1991 wurde er in seiner eigenen Wohnung erschossen. Die Terrorgruppe „Rote Armee Fraktion“ (RAF) nimmt den Anschlag auf sich. Einige Tage später taucht eine Erklärung der RAF auf. Die Attentäter schreiben, dass er Treuhand-Chef Rohwedder als „Bonner Statthalter in Ostberlin“ mit „Brutalität und Arroganz“ Millionen ins Elend gestürzt habe, die „Unterwerfung und Ausbeutung“ der Ostdeutschen betrieben. „Seit ihrer Annexion ist die Ex-DDR faktisch eine Kolonie der Bundesrepublik.“ So lautete das Urteil der Terroristen. (4)

Oschmann zitiert die Worte des deutschen Schriftstellers Ingo Schulz, um das Ergebnis der Transformation der Planwirtschaft der DDR in den freien Markt der BRD zusammenzufassen: „Statt einer Vereinigung, die womöglich auch den Westen auf den Prüfstand gestellt hätte, gab es nur einen Beitritt. Die Ergebnisse für den Osten sind bekannt: 70 Prozent Deindustrialisierung, mehr als in jedem anderen Land des Ostens, vier Millionen Arbeitslose, 2,2 Millionen Haushalte waren von der Maßgabe ‚Rückgabe vor Entschädigung‘ betroffen und mussten ihre Wohnung, ihr Haus oder Grundstück fürchten oder verloren es. Kein Wunder, dass auch die Geburtenrate einbrach. Die Treuhand und sogenannte Altlasten (…) sorgen dafür, dass das Territorium der DDR zu einem staatlich hochsubventionierten Absatzmarkt ohne ökonomische Konkurrenz wurde.“ (5)

Warum ist das neue Wirtschaftswunder eine Illusion geblieben? Es mangelt in Deutschland nicht an Experten, die behaupten, dass es nicht anders sein konnte: Das ist die Logik hinter der Umwandlung einer Planwirtschaft in einen freien Markt. Angeblich ist es unmöglich, Kapitalismus und Sozialismus in einem Wirtschaftssystem zu vereinen. Aber das ist genau das, wovon Gorbatschow einst auf der Grundlage der Konvergenztheorie träumte, und genau das, was einige kalte Köpfe in Deutschland Anfang der 1990er Jahre forderten. Das alles als Utopie zu betrachten, ist ein vergebliches Unterfangen. China hat die Marktwirtschaft erfolgreich in das kommunistische System integriert und profitiert davon. In den 60er Jahren sah die Reform von Kossygin, dem damaligen Ministerpräsidenten der UdSSR, einen entscheidenden Schritt in Richtung soziale Marktwirtschaft vor, wurde aber von den marxistischen Dogmatikern im Kreml an der Wurzel ausgerottet. Diese Lektion hat die chinesische Führung noch rechtzeitig gelernt. Aber auch Russland befreit sich nach den turbulenten 90er Jahren des „wilden Kapitalismus“ allmählich vom radikalen Liberalismus und entscheidet sich für die alte und bewährte Formel des „freien Marktes mit menschlichem Antlitz“: So viel Markt wie möglich, so viel Staat wie nötig.

Auf dieses Prinzip hat sich übrigens auch die Regierung der BRD verlassen, als es darum ging, die Wirtschaft des Landes nach dem Krieg wieder anzukurbeln. Das Ergebnis ist hinlänglich bekannt: Deutschland erlebte ein Wirtschaftswunder. Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde dieser Grundsatz einfach ignoriert. Wie Oschmann es beschreibt: „Das Versprechen der gleichen Lebensverhältnissen muss man als das begreifen, was es ist: eine schöne Illusion. Aber man könnte, den politischen Willen vorausgesetzt, damit anfangen, halbwegs gleiche Lebenschancen und Chancenteilhabechancen für alle herzustellen, in Ost und West, für Ost und West. Dazu gehören insbesondere gleiche Löhne für gleiche Arbeit und nicht zuletzt gleiche Renten, von adäquaten Erbschafts- und Vermögenssteuern ganz zu schweigen. Das ist schlicht eine Frage sozialer Gerechtigkeit in einer demokratischen Ordnung. Man könnte auch endlich politische Beschlüsse so umsetzen, wie sie ursprünglich gefasst worden sind, beispielsweise dass laut einer Entscheidung der Föderalismuskommission von Bundestag und Bundesrat aus dem Jahr 1992 Bundesbehörden und Forschungseinrichtungen vorrangig im Osten angesiedelt werden müssen. Das ist nie passiert, ganz im Gegenteil.“ (6)

Das Ende der Euphorie kam für die Russen vielleicht früher als für die Ostdeutschen, aber im Allgemeinen mit den gleichen Ergebnissen wie in der ehemaligen DDR: totale Deindustrialisierung, hohe Arbeitslosigkeit, starker Rückgang der Geburtenrate und die Umwandlung des Landes in einen Markt mit hohen staatlichen Subventionen und ohne wirtschaftlichen Wettbewerb. Die Rolle der Treuhand bei der Umverteilung von Staatseigentum, die bei der Zerstörung der DDR-Wirtschaft eine entscheidende Rolle spielte, wurde in Russland durch die Verteilung des sogenannten Vouchers – eines Privatisierungsschecks – im Jahr 1992 übernommen. Daher sollte man sich nicht über die besondere Haltung der Ostdeutschen gegenüber der Demokratie wundern, die die Russen nach der „Schocktherapie“ der 90er Jahre aufbauen: in einem halb zerstörten Land, unter den Bedingungen einer noch nie dagewesenen Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich, unter politischem Druck des Westens. Etwas Ähnliches erleben heute die Ostdeutschen selbst.

Vorstellung von Demokratie: einheitlicher Code für Russland und Ostdeutschland

Auch in ihrem Verständnis von Demokratie haben Russen und Ostdeutsche viele Gemeinsamkeiten. Die Russen bauen Schritt für Schritt ihr eigenes Demokratiemodell auf, basierend auf ihrem Verständnis der Grundsätze der Demokratie, einschließlich des Grundsatzes der Freiheit und Gerechtigkeit. Auch die Ostdeutschen müssen ihr besonderes Verständnis von Demokratie verteidigen. Meinungsumfragen und Erhebungen zeigen, dass sie zwar das Ideal der Freiheit als wichtigstes Prinzip der Demokratie anerkennen, aber dennoch die zweite wichtige Komponente der Demokratie – die soziale Gerechtigkeit – bevorzugen. Darin unterscheiden sie sich grundlegend von den Westdeutschen. Diesen Unterschied im Demokratieverständnis spiegelt auch Oschmann in seinem Buch wider, und zwar an seinem eigenen Beispiel.

Schon vor dem Erscheinen des Buches, unmittelbar nach der Veröffentlichung seines Artikels „Wie sich der Westen den Osten erfindet“ in der FAZ (Februar 2022), wurde er mit einem Trommelfeuer an Kritik konfrontiert, auf das er reagieren musste. Ihm wurde insbesondere vorgeworfen, einen „aggressiven Ton“ anzuschlagen und die Freiheit zu verletzen, für die die Westdeutschen damals kämpften, auch für ihn. Er wies die Anschuldigung mit den Worten zurück: „Ich greife nicht der Freiheit an, sondern Formen der Ungleichheit und Unfreiheit in der Demokratie selbst“, und fügte hinzu: „Der Ton stört gewaltig, ich gebe es zu. Denn ich sage ja nichts Neues, aber ich sage es hoffentlich anders, zorngesättigt und frei. Ein solches Reden halte ich in einer freien Gesellschaft für angemessen, vor allem in einer Gesellschaft, die immerzu das Wort „Freiheit“ als größten Wert im Munde führt. Freiheit dagegen, die nur im Rahmen von Konformismus und gesellschaftlicher Stromlinienförmigkeit erscheint, ist keine.“ (7)

Demokratie ist, wie wir wissen, vor allem eine Frage der Publizität. Deshalb meint Oschmann, wenn er von Freiheit spricht, vor allem die Medien. Er schreibt: „Ohne Gewaltenteilung und insbesondere ohne die vierte Gewalt der Pressefreiheit wäre diese Demokratie, die sich als solche jeden Tag aufs Neue in ihrer Funktionsfähigkeit unter Beweis zu stellen hat, längst zugrunde gegangen. Öffentlichkeit und Pressefreiheit – Kant nennt es das Prinzip der ‚Publizität‘ – sind die Bedingungen der Möglichkeit von Gerechtigkeit.“ (8)

Um das Recht auf öffentliche Äußerung der eigenen Meinung zu betonen, wendet Oschmann sich erneut dem klassischen Verständnis der Rolle der Gerechtigkeit in der modernen Demokratie zu. Er schreibt: „In abstrakter, theoretischer und historiografischer Hinsicht war mir das Wort der modernen Öffentlichkeit, wie er sich im 18. Jahrhundert konstituiert, längst klar und präsent, unter anderem durch die kanonischen Studien von Jürgen Habermas. Aber jetzt habe ich auf andere Weise, geradezu leibhaft existenziell, begriffen, was Kant meint, wenn er Öffentlichkeit als Bedingung von Gerechtigkeit fasst. Denn um Gerechtigkeit geht es hier. Neben der Freiheit ist das der für mich wichtigste Wert. Und ein weiterer Punkt gehört aus einer radikal diskurs- und gesellschaftspolitischen Perspektive dazu: Auch Wahrheit gibt es nur öffentlich – oder sie ist keine. Will ich also etwas zu Gerechtigkeit beitragen, muss ich mich öffentlich artikulieren.“ (9)

Kurz gesagt, es geht um die Verwirklichung des Prinzips der Gerechtigkeit durch die Suche nach Wahrheit im öffentlichen Raum: eine Formel, die den Russen mit ihrem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und ihrer besonderen Einstellung zur Wahrheit, in der alle Macht liegt, sehr nahe steht. Die grobe Verletzung dieser Formel durch die westliche Presse ist sowohl den Russen als auch den Ostdeutschen bekannt und verständlich. Wie Oschmann betont, missbrauchen die offiziellen Medien, die ausschließlich westdeutsch orientiert sind, ihre Macht. Ihre Berichterstattung über Ostdeutschland ist oft extrem vorurteilsbeladen, herablassend und tendenziös. Er schreibt: „Man produziert schlicht die eigenen Vorurteile, statt sich ernsthaft ein Bild vor Ort zu machen.“ (10)

Dies führt zu der Frage, warum die Ostdeutschen und viele Deutsche im Allgemeinen ihren Medien nicht mehr vertrauen, insbesondere wenn sie über die Ereignisse in Russland und der Ukraine berichten. Was soll man über die Russen sagen, die von der westlichen Presse schon lange nichts Gutes mehr über sich gehört haben. Gleichzeitig lehnt der Westen jede Kritik an sich selbst ab, insbesondere wenn sie aus Russland kommt: Die russischen Medien werden gejagt. Aber auch die Ostdeutschen hört der Westen nicht. „Als würde eine solche Kritik immer den Schluss nahelegen, lieber in einer Diktatur leben zu wollen“, schreibt Oschmann und fügt hinzu: „Der Westen begreifen offensichtlich nicht, dass Kritik am ‚Westen‘ keine Entscheidung für den ‚Osten‘ oder gar für die DDR ist, sondern zum notwendigen Selbstreflexionsprozess unserer Demokratie gehört, und zwar gerade dann, wenn sie, wie die anderen westlichen Demokratien auch, schon seit geraumer Zeit unter größtem Legitimationsdruck steht.“ Für ihn gehört das Recht auf Kritik zum Grundprinzip der Demokratie. „Dem Osten aber wird das Recht darauf konsequent abgesprochen“, zieht er ein bitteres Fazit. (11)

Deshalb wehrt sich Oschmann gegen den Vorwurf aus dem Westen, die Ostdeutschen verstünden nichts von Demokratie. Er schreibt: „Regelmäßig, so stellt er fest, wird dem Osten sein ‚mangelndes Demokratieverständnis‘ vorgehalten, ja aufgrund der Sozialisierung in der DDR-Diktatur gelegentlich sogar die ‚Demokratiefähigkeit‘ ganz abgesprochen.“ Noch mehr empört er über den Eifer des Westens, die Ostdeutschen über ihre Demokratie zu belehren. Er schreibt: „Erstens muss man Leuten, die, teil mit hohem persönlichem Risiko, eine Diktatur in die Knie gezwungen haben, nicht erklären, was Demokratie ist. Ja, kann man sogar sagen, dass der Osten die Demokratie besser versteht, weil sie sich erkämpfen müsste, statt sie von den Amerikanern geschenkt bekommen zu haben. Oder wie es bei Klaus Wolfram heißt: ‚Kein Ostdeutscher verachtete je die Demokratie, weder von 1989 und erst recht nicht danach – er erkennt sie nur genauer, er nimmt sie persönlicher.“ Dennoch versuchen der Westen unablässig die politischen Erfahrungen des Ostens zu delegitimieren, eben weil es ausschließlich Diktaturerfahrungen sein sollen.“ (12)

Das Gleiche kann man über die Russen sagen: Sie müssen nicht über Demokratie belehrt werden, sie lernen sie in der Praxis und schauen mit Erstaunen auf den Westen, der seine Demokratie in die tiefste Krise gestürzt hat. Vieles von dem, was die Russen dem Westen vorwerfen, liegt den Ostdeutschen daher am Herzen: die Verletzung von Vereinbarungen zur NATO-Osterweiterung, die mangelnde Bereitschaft des Westens, mit Russland über unteilbare Sicherheitsfragen auf Augenhöhe zu sprechen, die Eskalation des Ukraine-Konflikts als auch die Anwendung von Doppelstandards.

Doppelmoral des Westens: hier und dort nach demselben Schema

Die Ostdeutschen haben die Erfahrung gemacht, dass mit zweierlei Maß gemessen wird, vielleicht sogar früher als die Russen. Ein anschauliches Beispiel dafür ist der Kampf gegen Doping im Sport. Totaler Kampf gegen den angeblich dopingverseuchten russischen Sport begann im Vorfeld der Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014. Der Kampf gegen Doping auf „staatlichen Ebene“ in Ostdeutschland wurde jedoch unmittelbar nach der Wiedervereinigung angesagt. Die sportlichen Erfolge der DDR sind bekannt: Ende der 1980er Jahre war die DDR-Mannschaft sogar die drittstärkste Sportmacht der Welt – nach den USA und der Sowjetunion. Der Sport wurde zu einer Art Arena für den Zweikampf zwischen zwei Systemen – dem kapitalistischen und dem sowjetischen. Oschmann schreibt: „In kollektivpsychologischer Hinsicht kann ich sogar verstehen, dass der Westen hier sauer ist, weil die BRD gegen die DDR meistens verloren hat. … Seit 1989 wird deshalb alles dafür getan, nachzuweisen, dass viele Siege der DDR nur durch Staatsdoping und wie man inzwischen weiß, sogar durch Menschenversuche möglich waren.“ Zentral gesteuertes Doping wird zum alleinigen Verschulden der DDR (ähnlich wie in Russland ab 2014), im Unterschied zur BRD, wo ebenfalls viele Sportler mit Anabolika oder der „Kolbe- Spritze“ dopten, aber nicht staatlich, sondern meist es Ärzte und Trainer waren, die die Mittel für ihre Schützlinge organisierten. (13)

Oschmann bringt dieses westliche Narrativ zum Einsturz und zeigt die Doppelmoral des Westens im internationalen Sport am Beispiel der DDR. Er schreibt: „Aber es hat selbstverständlich, was nur kaum Beachtung erfährt, auch in der BRD spätestens seit Anfang der Siebzigerjahre Doping gegeben, mit Wissen höchster Funktionäre wie beispielsweise Willi Daume (er war von 1950 bis 1970 Präsident des Deutschen Sportbundes sowie von 1961 bis 1992 Präsident des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland, Anm. d. Autors). … Denn natürlich hat man auch im Westen, wenngleich in geringerem Ausmaß, beim weltweiten Dopingwettlauf mitgemischt, aber logischerweise hat der Westen kein Interesse daran, die eigenen systematischen Dopingvorgehen allgemein publik zu machen, weil sonst das bequeme Narrativ vom ausschließlichen Betrug durch die DDR obsolet erscheint.“ (14)

Das Verschweigen der Vorgeschichte und das Prinzip „Schuld sind immer die Anderen“ ist ein weiteres Merkmal der Doppelstandards des Westens. Oschmann veranschaulicht dies anhand von Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit, die der Westen den Ostdeutschen vorwirft, dabei aber vergisst, sich selbst zu betrachten. Er erinnert insbesondere daran, dass viele überzeugte Nazis aus dem Westen in den Osten wechselt sind. „Vor 1989 behauptete der Osten, alle Nazis würden im Westen leben, seit 1989 läuft es andersherum. Nun behauptet der Westen, alle Nazis würden im Osten wohnen“, bemerkt er. Auch der rechte Vordenker Götz Kubitschek kommt aus dem Westen. Selbs die AfD ist „kein ostdeutschen Produkt“, obwohl sie als Partei des Ostens wahrgenommen ist. Oschmann schreibt: „Nicht nur war die AfD eine Westgründung, gar eine westdeutsche Professoren-Partei, sondern sie hat mit Ausnahme von Tino Grupalla auch eine komplett westdeutsch besetzte Führungsspitze.“ (15)

Besonders gern, bemerkt Oschmann, wirft der Westen dem Osten seine Fremdenfeindlichkeit und „gibt es dies im höchst beschämenden Ausmaß“. Für ihn ist das aber „kein auf den Osten beschränktes Phänomen, sondern genauso gesamtdeutsch wie der Rechtsextremismus.“ Er schreibt: „Es ist jedoch besonders schäbig, allein dem Osten die Fremdenfeindlichkeit in die Schuhe zu schieben, und obendrein paradox, geradezu ein Paradebeispiel für Heuchelei, Doppelmoral und doppelten Standard, weil der Westen kontinuierlich den Osten selbst zum Feinden machte. Das ist eine spezielle Form des Othering. Der Westen wirf dem Osten Fremdenfeindlichkeit vor, ohne doch selbst mit dem Fremden, das der „Osten“ anscheinend darstellt, auch nur ansatzweise zurechtzukommen. Zwar zählt es zum liberalen, weltoffenen Selbstverständnis der meisten Westdeutschen, das Fremde und Andere zu feiern, in die ganze Welt zu reisen und ferne Kulturen zu bewundern, Divergenz und Alterität als besonders wertvoll zu markieren. Doch es muss das richtige Andere sein, nicht das falsche Andere, das der Osten verkörpert, vor dem man sich fürchtet, das man ausgrenzt, belächelt, verhöhnt und kleinmacht. Diesem falschen Anderen gegenüber herrscht Nulltoleranz. Auf diese Weise macht der Westen den Osten zum Fremden im eigenen Land!“ (16)

Wer einmal die Erfahrung gemacht hat, dass mit zweierlei Maß gemessen wird, kann diejenigen besser verstehen, die dies ständig erleben. Den Osten der Fremdenfeindlichkeit und des Rechtsextremismus zu bezichtigen, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, den Kern des Problems zu verstehen, ist so, als würde man nur Russland für den Konflikt in der Ukraine verantwortlich machen. Es ist, als ob dieser Konflikt keine eigene Vorgeschichte hätte. Aber er hat eine. Das ist die Osterweiterung der NATO mit Plänen zur Aufnahme der Ukraine und Georgiens in das Bündnis, wobei die Interessen Russlands völlig außer Acht gelassen werden. Das ist der Kaukasus-Krieg von 2008, der vom damaligen georgischen Präsidenten Saakaschwili entfesselt wurde und in dessen Folge Russland von der westlichen Presse als Aggressor und Georgien als Opfer der russischen Aggression dargestellt wurde. Das ist der Maidan in Kiew im Jahr 2014, der zu einem Staatsstreich und einem Bürgerkrieg im Osten der Ukraine führte. Das sind die Militäraktionen der Kiewer Armee im Donbass in den Jahren 2014 und 2015 unter Einsatz von Panzern, Artillerie und Flugzeugen. Das sind mehr als 14.000 Tote unter der Zivilbevölkerung von 2014 bis 2022 des Donbass infolge des Beschusses durch die ukrainische Armee. Das ist das Verbot der russischen Sprache in der Ukraine und andere Maßnahmen im Rahmen des Kiewer Projekts „Anti-Russland“. Das ist die eindeutige Sabotage der Minsker Vereinbarungen durch den Westen und seine generelle Weigerung, mit Russland zu verhandeln: sowohl vor der russischen Spezoperation in der Ukraine, am Vorabend der Münchner Konferenz 2022, als auch nach der Spezoperation, während der Istanbuler Verhandlungen im März 2022. Und so weiter. Die Doppelmoral duldet keine Vorgeschichte – sie ist Gift für diejenigen, die sie anwenden.

Kurz gesagt, Russen und Ostdeutsche haben in ihrem besonderen Leben nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vieles gemeinsam: die Schocktherapie in den 1990er Jahren nach den süßen Wohlstandsversprechen, die Erfahrung von Diskriminierung und Doppelmoral, die Enttäuschung über die westliche Demokratie und viele andere Dinge, die ihr Verständnis von allem, was in der Welt geschieht, prägen. Ostdeutsche und Russen, die in der Tradition der Konfrontation zwischen den USA und der UdSSR aufgewachsen sind, brauchen nicht zu erklären, warum Amerika Dutzende von Milliarden Dollar für die Unterstützung der Regierung in Kiew ausgibt, warum europäische Politiker gehorsam den Anweisungen aus Washington folgen und warum Russland so verzweifelt um seine Souveränität kämpft. Der Glaube an die amerikanische Friedensarbeit wurde von den Amerikanern selbst in Jugoslawien, Irak, Syrien, Libyen und Afghanistan begraben. Der Glaube an die Sündlosigkeit der westlichen Demokratie ist in den letzten 35 Jahren vom Westen selbst zu Grabe getragen worden. In diesem Bewusstsein des Geschehens liegt vielleicht der Hauptgrund für die historische und geistige Nähe zwischen Russen und Ostdeutschen, die durch keine Russophobie ausgelöscht werden kann: weder heute noch morgen.

1. GEO Epoche, Nr. 126, S. 155-156.

2. Dirk Oschmann, Der Osten: eine westdeutsche Erfindung, Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2023, 10. Auflage, S. 50.

3. GEO EPOCHE, Nr. 126, S. 144, 147.

4. Ebenda, S. 144.

5. Dirk Oschmann, Der Osten, S. 51-52.

6. Ebenda, S. 199-200.

7. Ebenda, S. 193.

8. Ebenda, S. 27.

9. Ebenda, S. 26-27.

10.Ebenda, S. 104.

11. Ebenda, S. 97, 144.

12. Ebenda, S. 93-95.

13. GEO Epoche, Nr. 126, S. 101.

14. Dirk Oschmann, Der Osten, S. 135-136.

15. Ebenda, S. 99-100.

16. Ebenda, S. 133-134.