Das ist noch eine nachweisbare Schlussfolgerung, die Huntington nach der Untersuchung von Verhältnissen zwischen Modernisierung und Verwestlichung macht.
Die Expansion des Westens hat bekanntlich sowohl die Modernisierung als auch die Verwestlichung nichtwestlicher Gesellschaften gefördert. Eine Verweigerung der Modernisierung und Verwestlichung seitens den Nichtwestlern gehört wesentlich der Vergangenheit, wie es zum Beispiel in Japan in der Mitte 17. Jahrhundert war, wenn Westlern völlig aus Land vertrieben wurden, oder in China, wenn es mehrere Jahrhunderte lang versuchte, jede signifikante Modernisierung oder Verwestlichung zu verhindern. Die japanische Verweigerungshaltung wurde aufgegeben, nachdem Commodore Perry 1854 die Öffnung Japans erzwungen hatte. Die chinesische Isolation wurde wie die japanische durch westliche Waffen beendet, die die Briten 1839/42 im Opiumkrieg gegen China richteten. Wie diese Fälle erkennen lassen, war es im 19. Jahrhundert für nichtwestliche Gesellschaften immer schwerer und zuletzt unmöglich, ihre isolationistischen Strategien gegenüber der Macht des Westens zu verfolgen. (1)
Eine zweite mögliche Reaktion auf den Westen ist die Annahme sowohl der Modernisierung als auch die Verwestlichung. Diese Reaktion geht von der Voraussetzung aus, dass Modernisierung wünschenswert und notwendig ist, dass die einheimische Kultur mit Modernisierung unvereinbar ist, dass die einheimische Kultur aufgegeben oder abgeschafft werden muss, und dass die Gesellschaft, um sich erfolgreich modernisieren zu können, sich vollkommen verwestlichen müsste. Also: Modernisierung und Verwestlichung unterstützen einander und müssen Hand in Hand gehen. Diese Auffassung ist – kaum verwunderlich – unter Westlern noch beliebter gewesen als unter nichtwestlichen Eliten. Die Botschaft heißt: „Um erfolgreich zu sein, müsst ihr so sein wie wir; unser Weg ist der einzige Weg.“ Das Argument lautet: „Die religiösen Werte, moralische Voraussetzungen und Gesellschaftsstrukturen nichtwestlichen Gesellschaften sind den Werten und Praktiken der Modernisierung günstigstenfalls fremd, mitunter sogar feindlich. Solche Feststellung sollte zuerst die islamischen Staaten treffen, denn der Islam, so war und bleibt die Behauptung, keinen alternativen Weg zur Modernisierungen außerhalb der Verwestlichung bietet.“ (2)
Zu ähnlichen Schlussfolgerungen kam Mustafa Kemal Atatürk, der aus den Trümmern des Osmanischen Reiches eine neue Türkei geschaffen hat. Er nahm massive Anstrengungen unter, um das Land sowohl zu verwestlichen als auch zu modernisieren. Indem Atatürk diesen Kurs einschlug und die islamische Vergangenheit verwarf, machte er aus der Türkei ein „zerrissenes“ Land, eine Gesellschaft, die nach Religion, Erbe, Sitten und Institutionen muslimisch war, deren herrschende Elite jedoch unbedingt das Land modernisieren, verwestlichen und an die Westen anschließen wollte. Es handelt sich um sogenannten Kemalismus, welche schwere und traumatisierende Aufgabe war, eine jahrhundertealte Kultur zu zerstören und an ihre Stelle eine vollkommen neue Kultur zu setzen, die von einer anderen Zivilisation transportiert worden ist. (3)
Es ist nicht wunderlich, dass bei nichtwestlichen Eliten am beliebtesten die dritte Möglichkeit ist, und zwar der Versuch, die Gesellschaft zu modernisieren, aber zugleich die zentralen Werte, Praktiken und Institutionen der einheimischen Kultur zu bewahren. In China hieß solche Parole Ti-Yong: „Chinesische Bildung als grundlegendes Wertesystem, westliche Bildung zu praktischen Zwecken“. In Japan hieß die Parole Wakon Yosei: „Westliche Technik, japanischer Geist.“ In Ägypten erstrebte Muhammad Ali um 1830 „westliche Modernisierung ohne übertriebene kulturelle Verwestlichung“. Neben Japan und China sind Singapur, Taiwan, Saudi-Arabien und in geringerem Maße der Iran moderne Gesellschaften geworden, ohne westlich zu werden. Modernisierung bedeutet also nicht notwendig Verwestlichung. Das hat auch die islamische Welt ergriffen. Von westlichen Lösungen enttäuscht, hatten Muslime das Bedürfnis, zu ihren Wurzeln zurückzukehren und sich auf islamische Ideen, Praktiken und Institutionen als Kompass und Motor der Modernisierung zu verlassen. Huntington bezeichnet diesen Prozess als islamische Resurgenz und macht die Schlussfolgerung: Die islamische Resurgenz ist eine Reaktion gegen Verwestlichung, nicht gegen Modernisierung. (4)
Modernisierung erfordert keine bestimmte politische Ideologie oder ein bestimmtes System von Institutionen. Wahlen und die übrigen Kennzeichen des westlichen Lebens sind für das wirtschaftliche Wachstum nicht unbedingt notwendig. (5)
1. Huntington, Samuel P.: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, Wilhelm Goldmann Verlag, 2002, S. 103-104.
2. Ebenda, S. 105-106.
3. Ebenda, S. 106-107.
4. Ebenda, S. 106-107, 180.
5. Ebenda, S. 113.