Die Zukunft des Westens hängt davon ab, ob es ihm gelingt, die eigene, westliche Identität zu bekräftigen und seine Kultur zu erneuern

Damit beweist Huntington seinen Optimismus. Er glaubt, dass der allmähliche Niedergang des Westens, der zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts begann, noch Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte andauern kann. Der Westen könnte sogar eine Periode der Erneuerung durchmachen, in der er seinen Einfluss auf die weltlichen Angelegenheiten wieder steigern und seine Stellung als führende Kultur behaupten, die andere Kulturen wieder als Vorbild akzeptieren und denen sie nacheifern könnten. (1)

Er geht von zwei herrschenden Vorstellungen über die Macht des Westens in Bezug auf andere Kulturen aus. Auf der einen Seite herrscht ein überwältigender, triumphaler, fast totaler Glauben an die Dominanz des Westens. Als einzige nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verbliebene Supermacht treffen die USA gemeinsam mit Großbritannien und Frankreich die wesentlichen Entscheidungen zu Politik und Sicherheit; gemeinsam mit Deutschland und Japan treffen sie die wesentlichen Entscheidungen in Wirtschaftsfragen. Der Westen ist der einzige Kulturkreis, der die Fähigkeit besitzt, Politik, Wirtschaft und Sicherheit jeder anderen Kultur und Region zu beeinflussen. Gesellschaften aus anderen Kulturkreisen können ihre eigenen Ziele und Interessen meist nur durchsetzen, wenn sie die westlichen Mächte davon überzeugen, sie zu unterstützen. (2)

Die zweite Vorstellung von Westen ist eine ganz andere. Es ist die Vorstellung von einer im Niedergang befindlichen Kultur, deren Anteil an der globalen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Macht im Verhältnis zu anderen Kulturen zurückgeht. Der Sieg im Kalten Krieg hat dem Westen keinen Triumph, sondern Erschöpfung beschert: Ihn bedrängen niedriges Wirtschaftswachstum, Arbeitslosigkeit, riesige Staatsdefizite, sinkende Arbeitsmoral, niedrige Sparzinsen, ferner in vielen Ländern, zu denen auch die USA gehören, soziale Desintegration, Drogen und Kriminalität. Die wirtschaftliche Macht verlagert sich zusehends nach Ostasien, die militärische Macht und der politische Einfluss werden ihr dahin folgen. Die Bereitschaft anderer Gesellschaften, die Diktate oder Moralpredigten des Westens hinzunehmen, schwindet ebenso rapide wie das Selbstvertrauen des Westens und sein Wille zur Dominanz. (3)

Das zentrale Problem in den Beziehungen zwischen dem Westen und dem Rest, so Huntington, ist folglich die Diskrepanz zwischen den Bemühungen des Westens, speziell Amerikas, um die Beförderung einer universalen westlichen Kultur und seiner schwindenden Fähigkeit hierzu. Der Westen versucht und wird weiter versuchen, seine Vormachtstellung zu behaupten und seine Interessen dadurch zu verteidigen, dass er diese Interessen als Interessen der „Weltgemeinschaft“ definiert. Doch mit diesem Wort deckt der Westen nur sein Bestreben ab, jene Handlungen zu rechtfertigen, die darauf abzielen, die Interessen der Vereinigten Staaten und anderer westlicher Mächte in der Weltpolitik zu bewahren.

Der Westen unternimmt heute zum Beispiel den Versuch, die Volkswirtschaften nichtwestlicher Gesellschaften in ein weltweites Wirtschaftssystem zu integrieren, wo er dominiert. Durch den IWF und andere internationale Wirtschaftsinstitutionen fördert der Westen seine wirtschaftlichen Interessen und zwingt andere Nationen die Wirtschaftspolitik auf, die er für richtig hält. In den Neunzigerjahren hatte die wirtschaftliche Entwicklung eine wirtschaftliche Euphorie unter vielen Beobachtern ausgelöst, die Ostasien und ganze Pazifikbecken in einem stetig expandierenden Handelsnetz verknüpft sahen, da Friede und Harmonie unter den Nationen garantieren würde. Dieser Optimismus gründete sich auf der sehr fragwürdigen Annahme, dass Handelsverkehr unfehlbar ein friedensschaffender Faktor ist. Dies ist jedoch nicht der Fall. Wirtschaftliches Wachstum erzeugt politische Instabilität innerhalb eines Landes und zwischen Ländern, weil es das Gleichgewicht der Macht zwischen Ländern und Regionen verändert. Wirtschaftsverkehr bringt die Menschen in Konflikt miteinander; er bringt sie nicht in Übereinstimmung. Der Handel zwischen Ländern erzeugt Profit, aber auch Konflikt. (4)

Was aber für den Westen Universalismus ist, ist für den Rest der Welt Imperialismus. In dem Maße, wie asiatische Kulturen und die muslimische mehr und mehr auf die globale Relevanz pochen, wird dem Westen mehr und mehr der Zusammenhang zwischen Universalismus und Imperialismus einleuchten. Der westliche Universalismus ist also gefährlich, weil er zu einem großen interkulturellen Krieg zwischen Kernstaaten führen könnte, und er ist gefährlich für den Westen, weil er zur Niederlage des Westens führt. (5)

Huntington fragt: Welches dieser beiden konträren Bilder vom Platz des Westens in der Welt – von Euphorie bis Erschöpfung – beschreibt die Realität? Seine Antwort lautet: beide. Derzeit dominiert der Westen massiv und wird bis weit ins 21. Jahrhundert bezüglich Macht und Einfluss die Nummer Eins bleiben. Aber das Machtgleichgewicht zwischen Kulturen verändert sich heute allmählich, unaufhaltsam und fundamental. Die entscheidende Frage für den Westen lautet, ob er – von äußeren Herausforderungen einmal abgesehen – fähig ist, die inneren Verfallsprozesse aufzuhalten und umzukehren. Kann der Westen sich erneuern, oder wird anhaltende innere Fäulnis einfach sein Ende und/oder seine Unterordnung unter anderen, wirtschaftlich und demografisch dynamischeren Kulturen beschleunigen? (6)

In diesen Fragen sind für Huntington am bedeutendsten nicht Wirtschaft oder Demografie, sondern die Probleme des moralischen Verfalls, des kulturellen Selbstmords und der politischen Uneinigkeit des Westens. Er stellt fest, dass in den USA eine unmittelbare und gefährlichere Herausforderung entstanden ist. In der Vergangenheit wurde die nationale Identität der Amerikaner in kulturelle Hinsicht definiert durch ihre Zugehörigkeit zum westlichen Kulturkreis und in politischer Hinsicht durch die Hauptpunkte des amerikanischen Credos, denen die Amerikaner mehrheitlich zustimmten: Freiheit, Demokratie, Individualismus, Gleichheit vor dem Gesetz, Achtung von Verfassung und Privateigentum.

Im ausgehenden 20. Jahrhundert gerieten die Aspekte amerikanischer Identität unter nachhaltigen Beschuss durch eine kleine, aber einflussreiche Minderheit von Intellektuellen und Publizisten. Im Namen eines Multikulturalismus attackierten sie die Identifikation der USA mit dem westlichen Kulturkreis, leugneten die Existenz einer gemeinsamen amerikanischen Kultur und warben für rassische, ethnische und sonstige subnationale kulturelle Identitäten und Gruppierungen. Sie brandmarkten die – wie es in einem ihrer Berichte heißt – „systematische Voreingenommenheit zugunsten der europäischen Kultur und ihrer Derivate“ im Bildungswesen. Sie verurteilten auch „das Vorherrschen der monokulturellen europäisch-amerikanischen Perspektive“. Der multikulturelle Trend kam auch in einer Vielzahl von Gesetzen zum Ausdruck. In den Neunzigerjahren, also gleich nach dem Ende des Kalten Krieges, machte die Administration Clinton die Ermutigung multikultureller Verschiedenartigkeit zu einem ihrer Hauptziele: Förderung der Verschiedenartigkeit anstelle der Einheit des Volkes. (7)

Die Multikulturalisten stellen ein weiteres zentrales Element des amerikanischen Credos in Frage, indem sie die Rechte von Individuen durch Rechte von Gruppen ersetzen, welche im Wesentlichen über Rasse, Ethnizität, Geschlechtszugehörigkeit und sexuelle Präferenz definiert wurden. Die Ablehnung des amerikanischen kulturellen Credos bedeutet aber das Ende der Vereinigten Staaten von Amerika. Sie bedeutet praktisch auch das Ende der westlichen Kultur. Ob der Westen politisch und wirtschaftlich zusammenfindet, hängt jedoch davon ab, ob die USA ihre Identität als westliche Nation bekräftigen und es als ihre globale Rolle definieren, die Führungsnation der westlichen Kultur zu sein. Innenpolitisch bedeutet das eine Absage an die konfliktstiftenden Sirenengesänge des Multikulturalismus. (8)

Auch die verbreitete Annahme des Westens, dass kulturelle Verschiedenheit eine historische Kuriosität ist, welche durch das Heranwachsen einer gemeinsamen, westlich orientierten, anglophonen Weltkultur, die unsere Grundwerte prägt, bald dem Boden entzogen sein wird, lehnt Huntington ab. Nun ist seine generelle Prognose zur Zukunft des Westens mehr deutlich. Er schreibt: „Das Überleben des Westens hängt davon ab, dass die Amerikaner ihre westliche Identität bekräftigen und die Westler sich damit abfinden, dass ihre Kultur einzigartig, aber nicht universal ist, und sich einigen, um diese Kultur zu erneuern und vor der Herausforderung durch nichtwestliche Gesellschaften zu schützen.“ Die Zukunft des Friedens und der Zivilisation verbindet er mit dem Vermögen von führenden Politikern und Intellektuellen der großen Weltkulturen, einander zu verstehen und miteinander zu kooperieren.

Seinen Appell an die Mächtigen – unbeachtet davon, wie utopisch es aussehen kann – bekräftigt Huntington durch eine Aussage, die als Formel der friedlichen Weltpolitik für die Zukunft definiert werden kann. Er schreibt: „In der kommenden Ära ist es also zur Vermeidung großer Kriege zwischen den Kulturen erforderlich, dass Kernstaaten davon absehen, bei Konflikten in anderen Kulturen zu intervenieren. Das ist eine Wahrheit, die zu akzeptieren manchen Staaten, besonders den USA, schwer fallen wird. Dieses Prinzip der Enthaltung … ist die erste Voraussetzung für Frieden in einer multikulturellen, multipolaren Welt.“ (9)

1. Huntington, Samuel P.: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, Wilhelm Goldmann Verlag, 2002, S. 496.

2. Ebenda, S. 117.

3. Ebenda, S. 118.

4. Ebenda, S. 291-292, 350.

5. Ebenda, S. 512.

6. Ebenda, S. 119, 499.

7. Ebenda, S. 500, 502.

8. Ebenda, S. 503-507.

9. Ebenda, S. 519, 522, 531.