Das westliche Projekt einer universalen Zivilisation ist Utopie

Unter der These einer „universalen Zivilisation“, so Huntington, ist generell das Entstehen einer kulturellen Einheit der Menschheit und die zunehmende Akzeptanz von gemeinsamen Werten, Überzeugungen, Orientierungen, Praktiken und Institutionen durch Völker in der ganzen Welt gemeint. Wie ein bekannter tschechischer Gegner des kommunistischen Regimes, Vaclav Havel, nach dem Ende des Kalten Krieges betonte: „Wir leben heute in einer einzigen, globalen Zivilisation.“ (1)

Die Argumente für die These, dass eine Art von „universaler Kultur“ im Entstehen begriffen sei, beruhen auf den bestimmten Anhaltspunkten, warum das so sein soll. Ein von typischen Argumenten ist die Annahme, dass der Zusammenbruch des Sowjetkommunismus das Ende der Geschichte und den weltweiten Sieg der liberalen Demokratie bedeutet. Dieses Argument beruht auf dem Irrglauben, dass der Kommunismus die einzige Alternative zum Liberalismus war. Aber es ist pure Arroganz zu glauben, dass, nur weil der Sowjetkommunismus zusammengebrochen ist, der Westen die Welt für immer erobert hat und dass Muslime, Chinesen, Inder und alle anderen nun nichts dringender brauchen, als den westlichen Liberalismus zu akzeptieren. (2)

Es gibt auch die Annahme, dass die zunehmende Interaktion zwischen Menschen – Handel, Investitionen, Tourismus, Medien, elektronische Kommunikation generell – dabei ist, eine gemeinsame Weltkultur zu erzeugen. Es scheint sogar realisierbar zu werden, wenn man die aktuelle Überlegenheit des Westens in vielen Bereichen des Lebens betrachten lässt. So verleitet naive Arroganz Westler zu der Annahme, Nichtwestler würden durch den Erwerb von westlichen Gütern „verwestlicht“. Die Verbreitung von Pop-Kultur und Konsumgütern sollte über die ganze Welt den Triumph der westlichen Zivilisation darstellen.

Die amerikanische Kontrolle der globalen Film-, Fernseh- und Videoindustrie übertrifft sogar Amerikas Dominanz in der Luftfahrtindustrie: 88 von 100 der weltweit meistbesuchten Filme im Jahre 1993 kamen aus den USA; zwei amerikanische und zwei europäische Organisationen beherrsche weltweit die Sammlung und Verbreitung von Nachrichten. Globale Kommunikation wird zu einer der wichtigsten zeitgenössischen Manifestationen westlicher Macht. Es musste auch Tendenzen zur Herausbildung einer universalen Sprache geben. Dieser Anspruch wird oft in der Tat erhoben: Die Sprache der Welt ist Englisch. (3)

Das dritte und allgemeinste Argument für das Entstehen einer „universalen Kultur“, so Huntington weiter, sieht diese als das Ergebnis der umfassenderen Modernisierungsprozesse, die seit 18. Jahrhundert im Gange sind. Modernisierung beinhaltet Industrialisierung, Urbanisierung, ein zunehmendes Maß an Alphabetisierung, Bildung, Wohlstand und soziale Mobilität. Modernisierung ist ein revolutionärer Prozess, der nur mit dem Übergang von primitiven zu zivilisierten Gesellschaften vergleichbar ist. Der Westen als die erste Zivilisation, die sich modernisierte, hat beim Erwerb der Kultur der Modernität die Führung inne.

Das bedeutet aber nicht, dass die moderne Kultur nur die westliche Kultur ist, also die modernen Gesellschaften zwangsläufig in einem einzigen Typus – dem westlichen Typus – verschmelzen müssen. Für Huntington ist das eine völlig verfehlte Gleichsetzung. Die westliche Kultur entstand im 8. und 9. Jahrhundert und entwickelte ihre typischen Merkmale in den darauf folgenden Jahrhunderten. Ihre Modernisierung begann aber erst im 17. und 18. Jahrhundert. Der Westen war lange westlich, bevor er modern wurde. Die zentralen Merkmale des Westens, jene, die ihn von anderen Kulturkreisen unterscheiden, sind älter als die Modernisierung des Westens. (4)

Das Konzept einer universalen Kultur ist für Huntington ein typisches Produkt des westlichen Kulturkreises. Im 19. Jahrhundert diente die Idee von der „Last des weißen Mannes“ dazu, die Ausweitung der politischen und ökonomischen Dominanz des Westens auf nichtwestliche Gesellschaften zu rechtfertigen. Im angehenden 20. Jahrhundert dient das Konzept einer universalen Kultur dazu, die kulturelle Dominanz des Westens über andere Gesellschaften und die Notwendigkeit der Nachahmung westlicher Praktiken und Institutionen durch andere Gesellschaften zu rechtfertigen. Universalismus ist die Ideologie des Westens angesichts von Konfrontationen mit nichtwestlichen Kulturen. Was Westler als segensreiche globale Integration anpreisen, brandmarken Nichtwestler als ruchlosen westlichen Imperialismus bzw. als Bedrohung. (5)

Der unvermeidliche Preis für Universalismus ist Doppelmoral. Nichtwestler zögern nicht, auf die Unterschiede zwischen westlichen Prinzipien und westlicher Praxis zu verweisen. Heuchelei und Doppelmoral sind der Preis universalistischer Anmaßungen. Die Demokratie wird gelobt, aber nicht, wenn sie Fundamentalisten an die Macht bringt; die Nichtweitergabe von Kernwaffen wird für den Iran und den Irak gepredigt, aber nicht für Israel; Freihandel ist das Lebenselixier des Wirtschaftswachstums, aber nicht in der Landwirtschaft; die Frage nach den Menschenrechten wird China gestellt, aber nicht Saudi-Arabien; Aggression gegen erdölbesitzende Kuwait werden massiv abgewehrt, aber nicht gegen nicht-ölbesitzende Bosnier. Nachdem sie ihre politische Unabhängigkeit erlangt haben, versuchen die nicht-westlichen Gesellschaften, sich der wirtschaftlichen, militärischen und kulturellen Vorherrschaft des Westens zu entziehen und dessen Bestreben, eine globale westliche Zivilisation zu schaffen, zu bremsen. (6)

So zieht Huntington in große Zweifel den Versuch, eine universale Weltgemeinschaft – voraussichtlich auf der Basis der west-liberalen Werte – aufzubauen.

1. Huntington, Samuel P.: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, Wilhelm Goldmann Verlag, 2002, S. 76-77.

2. Ebenda, S. 93.

3. Ebenda, S. 79-92.

4. Ebenda, S. 96-98.

5. Ebenda, S. 92-93.

6. Ebenda, S. 293.