Eine amerikanische Geostrategie gegenüber China besteht darin, es als Anker Amerikas im Fernen Osten Eurasiens zu erhalten.
Wenn Deutschland und Frankreich die Schlüsselfiguren sind, um demokratischen und geopolitischen Brückenkopf an der westlichen Peripherie Eurasiens zu festigen, dann nimmt China eine zentrale Position an der fernöstlichen Flanke Eurasiens ein. Amerika, so Brzezinski, wird auf dem asiatischen Festland politisch nicht Fuß fassen können, wenn es nicht erfolgreich auf einen geostrategischen Konsens mit China hinarbeitet. Er schreibt: „China ist bereits eine bedeutende regionale Macht und strebt aufgrund seiner Geschichte als Großmacht und seiner Überzeugung, dass der chinesische Staat der Mittelpunkt der Welt sei, wahrscheinlich nach höheren Zielen. Die von seiner Führung getroffenen Entscheidungen beginnen sich bereits jetzt auf die geopolitische Machtverteilung in Asien auszuwirken, während sein wirtschaftlicher Aufschwung bestimmt mit noch größerer Macht und wachsenden Ambitionen einhergehen wird.“ (1)
Solche Entwicklung, meint Brzezinski, könnte dazu führen, dass in der Region, wo drei Großmächte agieren – die USA, China und Japan-, ein gefährlicher Hexenkessel entsteht mit der sehr wahrscheinlichen Folge geopolitisch tief greifender Machtverschiebungen. Brzezinski ist darüber wenig erfreut. Er schreibt: „Der Ferne Osten erlebt gegenwärtig eine Art Wirtschaftswunder und daneben wachsende politische Unsicherheit. Womöglich trägt sogar das asiatische Wirtschaftswachstum zu dieser Unsicherheit bei, weil die Prosperität über die politischen Schwachpunkte der Region hinwegtäuscht, zumal sie nationale Ambitionen verstärkt und soziale Erwartungen vergrößert.“ Asien ist also nicht nur dabei, „das ökonomische Gravitationszentrum der Welt zu werden, es könnte sich auch als politisches Pulverfass erweisen“. (2)
Ungewollt, meint Brzezinski, ist Amerika eher Chinas Gegner als sein natürlicher Verbündeter. Er schreibt: „Chinas Haupteinwand gegen die USA richtet sich weniger gegen das, was diese tatsächlich tun, als gegen das, was die USA derzeit sind und wo sie sind. Amerika ist in den Augen Chinas die gegenwärtig bestimmende Weltmacht, deren bloße Gegenwart in der Region, gestützt auf seine dominierende Position in Japan, Chinas Einfluss eindämmt.“ Das strategische Ziel der USA, ihre Hegemonie auf die gesamte Welt auszudehnen, ist für die Chinesen absolut klar. China kann das aber nicht hinnehmen, demgemäß, so Brzezinski, ist es die Strategie der chinesischen Politik, die amerikanische Dominanz zu benutzen, um eben diese amerikanische Hegemonie auf friedlichem Wege zu überwinden, „ohne dadurch irgendwelche latenten regionalen Gelüste Japans zu entfesseln“. (3)
Brzezinski schreibt: „Zu diesem Zweck muss Chinas Geostrategie zwei Ziele gleichzeitig verfolgen, wie dies Deng Xiaoping etwas verklausuliert im August 1994 klargemacht hat: „Erstens, Hegemoniestreben und Machtpolitik entgegenwirken und den Weltfrieden sichern; zweitens, eine neue internationale politische und ökonomische Ordnung aufbauen.“ Erstes zielt unverkennbar auf die Vereinigten Staaten ab und bezweckt eine Schwächung der amerikanischen Vormachtstellung, während ein militärischer Zusammenstoß sorgfältig vermieden wird, der Chinas ökonomischen Aufschwung beenden würde. Die zweite Forderung strebt eine Revision der Machtverteilung auf der Erde an und schlägt dabei aus dem Unmut Kapital, den einige Schlüsselstaaten gegen die derzeit bestehende internationale Hackordnung hegen, in der die Vereinigten Staaten ganz oben rangieren, unterstützt von Europa (oder Deutschland) im äußersten Westen und von Japan im äußersten Osten Eurasiens.“ (4)
Brzezinski glaubt nicht an den Erfolg des russisch-chinesischen Bündnisses gegenüber den USA. Er schreibt: „Chinas zweite Zielsetzung veranlasst Peking, eine regionale Geostrategie zu verfolgen, die ernste Konflikte mit seinen unmittelbaren Nachbarn zu vermeiden sucht, auch wenn es dabei weiterhin nach einer Vormachtstellung in der Region strebt. Eine taktische Verbesserung der chinesisch-russischen Beziehungen kommt da wie gerufen, zumal Russland nun schwächer ist als China. Dementsprechend erteilten im April 1996 beide Länder jeglichem „Hegemoniestreben“ eine klare Absage und erklärten die NATO-Erweiterung für „unzulässig“. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass China ein langfristiges und umfassendes Bündnis mit Russland gegen Amerika ernsthaft in Erwägung zöge. Ein solches Bündnis hätte zur Folge, dass die amerikanisch-japanische Partnerschaft, die China langsam aufweichen möchte, an Festigkeit und Umfang gewönne, und würde China außerdem von relevanten Kapitalquellen und moderner Technologie isolieren. … Ein Bündnis mit einem instabilen und verarmten Russland würde Chinas wirtschaftliche und geopolitische Aussichten nicht verbessern (und für Russland Unterordnung unter China bedeuten). … Eine „antihegemoniale“ Koalition könnte ein letzter Ausweg sein, wenn China zu der Auffassung gelangte, dass seine nationalen und regionalen Bestrebungen von den Vereinigten Staaten (mit japanischer Unterstützung) blockiert werden. Es wäre jedoch eine Koalition der Armen, die dann wahrscheinlich für eine geraume Zeit gemeinsam arm blieben.“ (5)
Brzezinski rät, keine voreilige Prognose eines zwangsläufig wiedererstehenden „Reich der Mitte“ zu treffen, die offensichtlich „mit dem unerschütterlichen Vertrauen auf statistische Voraussagen zu tun haben“. Sie können sich als falsch erweisen, wie es in der Vergangenheit der Fall war. Brzezinski schreibt: „Genau diesem Trugschluss erlagen vor kurzer Zeit jene, die voraussagten, dass Japan die USA als weltweite führende Wirtschaftsmacht ablösen würde und unweigerlich zum neuen Superstaat aufstiegen werde.“ Die gleiche Fehler, mein Brzezinski, begehen jene, „die den zwangsläufigen Aufstieg Chinas zur Weltmacht verkündet und auch befürchten.“ (6)
Nach Brzezinskis Ansicht wird Chinas Weg zur Weltmacht durch zu viele verschiedene Faktoren behindert: wirtschaftliche, politische und soziale. Er schreibt: „Zunächst einmal ist es alles andere als sicher, ob China sein explosives Wachstumstempo in den nächsten beiden Jahrzehnten beibehalten kann. Eine ökonomische Verlangsamung lässt sich nicht ausschließen und das allein brächte die gängige Prognose um ihre Glaubwürdigkeit. … Zudem dürfte Chinas enormes Wirtschaftswachstum politische Nebenwirkungen zeitigen, die es in seiner Handlungsfreiheit einschränken könnten. Der Energieverbrauch des Landes nimmt bereits jetzt in einem Maße zu, das die heimische Förderung bei weitem übersteigt. … Das gleiche gilt für die Ernährungslage. Auch wenn sich das demografische Wachstum jetzt etwas verlangsamt, nimmt die chinesische Bevölkerung in absoluten Zahlen stetig zu, sodass die Lebensmittelimporte für das Wohlergeben der Menschen und die politische Stabilität immer unverzichtbarer werden. Die Abhängigkeit von Importen wird nicht nur Chinas Finanzen aufgrund höherer Kosten belasten, sie machen das Land auch wehrloser gegen Druck von außen.“ (7)
Auch Chinas militärische Ambitionen stellt Brzezinski in Frage. Er schreibt: „Militärisch gesehen, könnte sich China teilweise als Weltmacht qualifizieren, da die schiere Größe seiner Volkswirtschaft und ihre hohen Wachstumsraten die Regierenden in die Lage versetzen dürften, einen erheblichen Teil des Bruttosozialprodukts für eine bedeutende Erweiterung und Modernisierung seiner Streitkräfte einschließlich der Aufstockung seines Arsenals an strategischen Atomwaffen abzuzweigen. Wenn allerdings hierbei übertrieben wird (und nach Schätzungen westlicher Kreise verschlangen die Militärausgaben bereits Mitte der neunziger Jahre etwa 20 Prozent des chinesischen Bruttosozialprodukts), könnte sich das genauso negativ auf Chinas langfristige Wirtschaftsentwicklung auswirken, wie die Niederlage der UdSSR im Rüstungswettlauf mit Amerika auf die sowjetische Wirtschaft.“ (8)
Ein weiteres Problem für China, so Brzezinski, sei seine kommunistische Politik, die zu Isolation und Druck auf die Demokratie führe. Gemeint ist natürlich die west-liberale Demokratie. Brzezinski schreibt: „Der dynamische Charakter von Chinas grundlegender wirtschaftlicher Veränderung, einschließlich seiner Aufgeschlossenheit gegenüber dem Rest der Welt, ist auf lange Sicht mit einer relativ geschlossenen, bürokratisch starren kommunistischen Diktatur nicht vereinbar. … Wenn die chinesische Politik nicht langsam beginnt, sich an die sozialen Erfordernisse der chinesischen Volkswirtschaft anzupassen, werden diesen beiden Seiten der Wirklichkeit irgendwann frontal aufeinanderprallen. Eine Demokratisierung lässt sich auf die Dauer nicht umgehen, es sei denn, China trifft plötzlich dieselbe Entscheidung, die es im Jahre 1474 getroffen hat: sich von der Welt abzuschotten, etwa so wie das heutige Nordkorea. Dazu müsste China seine mehr als 70 000 Studenten, die gegenwärtig in Amerika studieren, zurückrufen, ausländische Geschäftsleute des Landes verweisen, seine Computer abschalten und von Millionen chinesischen Häusern die Satellitenschüsseln herunterreißen. Es wäre ein Akt des Wahnsinns, vergleichbar der Kulturrevolution. … Daher gibt es zu einer weiteren Öffnung Chinas gegenüber der Welt keine praktische, wirtschaftlich rentable und politisch gangbare Alternative. Die Forderung nach Demokratisierung wird die chinesische Führung nicht mehr loslassen.“ Daraus zieht Brzezinski seine Schlussfolgerung: „Eine freiwillige Isolation wäre auf alle Fälle das Ende jedes ernsthaften chinesischen Anspruch auf regionale Vorherrschaft, geschweige denn auf eine führende Rolle im internationalen Machtgefüge.“ (9)
Anders schätzt Brzezinski Japan ein: nicht als regionale, aber als internationale Macht unter der Begleitung Amerikas. Für ihn gibt es gewisse Ähnlichkeiten zwischen Japan in Ostasien und Deutschland in Westeurasien. Beide sind Wirtschafts- und Finanzriesen, regional bestimmend und rangieren ganz oben auf der globalen Skala. Beide sind die wichtigsten Verbündeten der Vereinigten Staaten in der jeweiligen Region. Beide verfügen über ansehnliche Militärapparate, aber keines ist in dieser Hinsicht unabhängig: Deutschland sind durch seine militärische Integration in die NATO die Hände gebunden, während Japan von seinen eigenen (obzwar die Handschrift Amerikas aufweisenden) Verfassungsvorbehalten und dem amerikanisch-japanischen Sicherheitsabkommen in Schranken gehalten wird. Japan sollte nicht die Rolle eines unversenkbaren Flugzeugträgers im Fernen Osten besetzen, und ebenso wenig sollte es Amerikas wichtigster asiatischer Militärpartner oder eine potentielle regionale Macht in Asien sein. Das heißt, dass Japan den Status einer globalen Führungsmacht am ehesten dann erlangen kann, „wenn es sich aktiv an der globalen Friedenssicherung und Wirtschaftsförderung beteiligt.“ (10)
Noch mehr wichtige Rolle Japans in militärischen Fragen lehnt Brzezinski ab. Das kann regionale Stabilität beschädigen, eine umfassendere regionale Einigung mit Großchina erschweren und Japan davon abbringen, eine konstruktivere Aufgabe auf internationaler Ebene zu übernehmen und hierdurch die Bemühung, einen stabilen geopolitischen Pluralismus in ganz Eurasien zu fördern, zu beschädigen. Brzezinski schreibt: „Um zum Schluss zu kommen: Japan sollte für Amerika der unerlässliche und vorrangige Partner beim Aufbau einer globalen Zusammenarbeit sein, aber nicht in erster Linie ihr militärischer Verbündeter in einem regionalen Abkommen, das es darauf anlegt, Chinas regionale Vormachtstellung anzufechten.“ (11)
Für Brzezinski gibt es daher keine realistische Alternative zu einem stabilisierenden Machtgleichgewicht zwischen Amerika, Japan und China. Nur auf dieser Basis kann eine komplizierte, dreiseitige Vereinbarung zustande kommen –eine, die Amerikas Weltmacht, Chinas Übergewicht in der Region und Japans internationale Führungsrolle berücksichtigt. Brzezinski schreibt: „In der traditionellen Sphäre der Machtpolitik sollte ein regional herausragendes China Amerikas fernöstlicher Anker werden und dadurch ein eurasisches Machtgleichgewicht befördern helfen, wobei Großchinas Rolle im Osten Eurasiens der eines größer werdenden Europa in Eurasiens Westen entspricht.“ (12)
* * *
Heute können wir mit voller Überzeugung sagen, dass Brzezinskis Geostrategie an der rechten Flanke Eurasiens völlig gescheitert ist. China überwindet erfolgreich die von Brzezinski beschriebenen Herausforderungen, darunter ökonomische Verlangsamung, wachsende Energie- und Lebensmittelverbrauch, demokratische Veränderung und vieles mehr, ohne dabei eine politische Stabilität zu verlieren. China ist vom Importeur zum Exporteur geworden, auch von Hightech-Produkten. Chinas isolationistische Politik gegenüber der kulturellen und politischen Einmischung der USA schmälert nicht den Einfluss des Landes auf die regionale und internationale Politik. China schreibt seine eigene Geschichte der Demokratie, wenn man Demokratie als klassische Form der Einheit zwischen dem Willen des Volkes und dem Handeln der Regierung versteht. Am wichtigsten ist jedoch, dass China seine Beziehungen zu Russland erheblich gestärkt hat, was beide Länder nur stärker und reicher macht.
Wo hat sich Brzezinski verrechnet? Sein vielleicht größter Fehler ist, dass er die mögliche chinesische Reaktion auf die Arroganz, mit der Amerika die Probleme der Welt angeht, nicht bedacht hat. Es ist lächerlich, mit Vertretern alter Zivilisationen als Juniorpartner zu sprechen und sie zu belehren, wie sie leben sollen. Das ist die Falle, in die die amerikanische Elite getappt ist, indem sie in den Bereichen Demokratie, Menschenrechte, Integrationspolitik usw. endlose Forderungen an China stellt.
1. Brzezinski, Zbigniew: Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft, Kopp Verlag, 6. Auflage März 2019, S. 63
2. Ebenda, S. 187-189.
3. Ebenda, S. 208.
4. Ebenda, S. 209.
5. Ebenda, S. 209, 228.
6. Ebenda, S. 196-197.
7. Ebenda, S. 197.
8. S. 197-198.
9. S. 198-199.
10. S. 212, 226, 253.
11. S. 234-235.
12. S. 235.