Aktuelles

Europa vor der Wahl: allein gegen Russland oder gemeinsam mit den USA gegen China?

Europa muss militärisch, politisch und wirtschaftlich unabhängiger werden. Dies ist eine neue europäische Vision nach Trumps Amtsantritt als US-Präsident. Aber ist das nicht eine Illusion?

Trumps Politik hat die transatlantische Partnerschaft infrage gestellt. Es besteht die dringende Notwendigkeit, die Außenpolitik Europas und Deutschlands im Zeitalter des Trumpismus zu überdenken. Es gibt viele Meinungen, aber die Hauptrichtung der Überlegungen ist dieselbe: Europa muss unter der Führung Deutschlands stärker und unabhängiger werden. Wie es beispielsweise der Historiker Herfried Münkler in seinem Bestseller „Macht im Umbruch: Deutschlands Rolle in Europa und die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts” (2025) formuliert hat: „Die Frage nach der neuen Rolle Deutschlands wird wesentlich davon abhängen, ob es dem größten Land in der Mitte Europas gelingt, seine ökonomische, politische und kulturelle Macht so einzusetzen, dass ein Auseinanderfallen Europas verhindert werden kann. Hierfür sind nicht nur grundlegende Reformen dringend nötig, Deutschland und die EU müssen sich auch als widerstandsfähig gegen Russland, selbstbewusst im Umgang mit China und, falls es nötig werden sollte, als unabhängig von den USA erweisen.“ (1)

Bleibt nur noch die Frage, wie Deutschland diese neue historische Mission umsetzen wird. Allem Anschein nach hat die Merz-Regierung die Antwort auf diese Frage bereits gefunden: Europa muss sein militärisches Potenzial ausbauen, um den Bedrohungen durch Russland entgegenzuwirken. Außerdem muss Europa, trotz Trumps friedlicher Initiativen, die Ukraine militärisch und finanziell unterstützen. China bleibt ein Wirtschaftspartner, auch wenn dies den Interessen der USA zuwiderläuft, muss jedoch Einfluss auf Russland nehmen. So demonstriert Europa seine Souveränität, indem es sich mit den drei führenden Weltmächten überwirft und sich damit in eine Sackgasse manövriert.

Europa, „Make the West great again“!

Bereits während Trumps erster Amtszeit wurde über eine neue, von den USA unabhängige Strategie für Deutschland gesprochen. So kam beispielsweise der ehemalige General Klaus Naumann in seinem Artikel für das Rotary-Magazin mit dem Titel „Eine historische Herausforderung” (März 2017) zu einem ganz eindeutigen Schluss: „In Zeiten nationaler Alleingänge steht die deutsche Außenpolitik vor der Aufgabe, gegenüber den USA und innerhalb der EU initiativ zu werden und zu führen.“ Gleichzeitig stellt er die militärische Frage an die erste Stelle: „Beginnen muss man mit den überfälligen Korrekturen im Bereich von Sicherheit und Verteidigung.“ Seine Botschaft an die europäischen Politiker lautet: „Selbstbewusst sollte Europa durch seine jetzt nötigen Taten den amerikanischen Präsidenten auffordern, in diesem globalen Wettbewerb auch weiterhin an Europas Seite zu stehen, denn so könnte man einen „Deal“ erreichen, der größer ist als alles, was er am 20. Januar seinen Amerikanern versprochen hat: „ Make the West great again.““ (2)

Die transatlantische Illusion

Den wohl bedeutendsten Beitrag zur Diskussion über die neue Rolle Europas und Deutschlands unter Trump leistete jedoch der renommierte US-Experte Josef Braml. Im Jahr 2022, also unmittelbar nach der Niederlage des Republikaners Trump im Kampf gegen den Demokraten Biden, erschien sein Buch „Die transatlantische Illusion: Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können”. In der Zusammenfassung des Buches wird die Hauptidee des Autors formuliert: „Angesichts des russischen Überfalls auf die Ukraine wirkt der Westen geschlossen wie lange nicht. Doch die Weltmacht ist angeschlagen. Sie wird sich zunehmend auf ihr nationales Interesse und die Auseinandersetzung mit China konzentrieren. Zu glauben, die USA würden unsere Interessen auch in Zukunft mitvertreten, ist die transatlantische Illusion.“ (3)

In seinem Artikel für das Portal „Politische Meinung“ (das der Konrad-Adenauer-Stiftung e. V., CDU, gehört) mit dem Titel „Transatlantische Illusion. Warum Europa politisch, wirtschaftlich und militärisch selbstständiger werden muss“ zitiert Braml erneut die Grundidee des Buches und wendet sich an die europäischen Politiker: „Wem die liberale, sprich regelbasierte Weltordnung am Herzen liegt, sollte nicht auf Washington oder den Weltgeist hoffen, sondern sein Schicksal mutig selbst in die Hand nehmen.“ Dieser Appell an die Europäer wird von Braml durch konkrete Empfehlungen ergänzt: „Es ist höchste Zeit, dass sich die Europäer neben vertrauensbildenden Maßnahmen gegenüber Russland auch über eigene, von den USA unabhängige militärische Fähigkeiten Gedanken machen – im konventionellen wie im nuklearen Bereich –, auch um Erpressungsversuchen oder gar Aggressionen der russischen Führung vorzubeugen.“ (4)

Allein gegen Russland oder gemeinsam mit den USA gegen China?

Das größte Hindernis auf dem Weg zu einem unabhängigen Europa könnte laut Braml eine Annäherung zwischen den USA und Russland sein. Europa ist schlichtweg nicht in der Lage, diesen beiden Mächten entgegenzutreten, wenn sie gemeinsam handeln. Im Beitrag für das Rotary-Magazin unter dem Titel „Sicherheit vor dem ewigen Frieden“ (Juni 2022) schreibt er: „Für die Weltenplaner in Washington wäre ein festes strategisches Bündnis zwischen Russland und China jedoch ein sehr bedrohliches Szenario. Bereits heute wären die USA nicht mehr in der Lage, einen Zweifrontenkrieg, also gegen Russland in Europa und gegen China in Asien, zu gewinnen. Das war bereits 2019 die Befürchtung von amerikanischen Verteidigungsbeamten und Militäranalysten. In Planspielen der Rand Corporation, des größten und renommiertesten amerikanischen Thinktanks, in denen Großmachtkonflikte simuliert wurden, wäre in einer gleichzeitigen Auseinandersetzung mit Russland und China eine Niederlage für die USA programmiert.“ (5)

Der Grund für all dies ist die Veränderung der geopolitischen Lage. Selbst amerikanischer Politikwissenschaftler, Francis Fukuyama, „der seinerzeit vorschnell den endgültigen Sieg liberaler Demokratien und freier Marktwirtschaften prognostizierte“, muss heute „elementare demokratische Defizite der westlichen Führungsmacht diagnostiziert“. Die Geschichte geht also offenbar weiter und Fukuyama sieht nun eine neue „historische Auseinandersetzung“ um das „Schicksal Eurasiens“ im Gange: zwischen den USA und ihren westlichen Partnern auf der einen und China auf der anderen Seite. (6)

So stand Amerika schon unter Biden vor der Wahl: gemeinsam mit Russland gegen China, indem man einen Deal mit ihm macht, oder gegen Russland und China, gemeinsam mit seinen Partnern. Braml schreibt dazu: „Insofern ist es selbst nach Putins Waffengang in der Ukraine durchaus denkbar, dass sich die amerikanische Russlandpolitik in Zukunft wandelt und damit die Europäer erneut vor Probleme stellt – allerdings vor völlig andersgeartete: Analog zum machtpolitischen Kalkül des damaligen US-Sicherheitsberaters Henry Kissinger, der Präsident Nixon nahelegte, die Verbindung mit dem damals schwächeren China zu suchen, um die mächtigere Sowjetunion einzudämmen, könnte es laut neorealistischen Vordenkern wie John Mearsheimer heute ratsam sein, Russland zu umgarnen, um dem aufsteigenden und für die USA immer bedrohlicher werdenden China zu begegnen.“ (7)

Eine neue Illusion nach dem Ende der transatlantischen Illusion

Befreit von der transatlantischen Illusion, haben Deutschland und die EU einen Kurs zur Militarisierung Europas eingeschlagen, da sie darin einen wichtigen Schritt zu ihrer Unabhängigkeit sehen. Hauptargument: Das aggressive Russland bedroht nicht nur die Ukraine, sondern auch Europa. Es muss in der Lage sein, sich selbst zu verteidigen, auch ohne Amerika.

Aber in dieser scheinbar einwandfreien Logik gibt es einen fragwürdigen Punkt. Es ist eine Sache, die Ausgaben für das Militär zu erhöhen, um das militärische Gleichgewicht in Europa aufrechtzuerhalten, wie es beispielsweise die Regierung von Helmut Schmidt im Rahmen der NATO-Doppelstrategie getan hat. Ganz anders ist es, sich auf einen Krieg mit Russland vorzubereiten, ausgehend von einem vermeintlichen Angriff der russischen Armee auf Europa. Das sind zwei völlig unterschiedliche Strategien. „Koalition der Willigen“ hat keine Chance, Russland eine strategische Niederlage zuzufügen: Ohne die USA als Atommacht ist dies unmöglich. Darüber hinaus sind die europäischen Militärstrukturen so tief in die NATO integriert und von amerikanischer Technologie abhängig, dass sie in absehbarer Zukunft kaum in der Lage sein werden, eigenständige Militäroperationen durchzuführen.

Außerdem passt ein Krieg mit Russland nicht in die neue Sicherheitsstrategie der USA: Trump braucht Russland, um seinem Hauptkonkurrenten China die Stirn zu bieten. Deshalb ist es für ihn wichtig, Europa auf seine Seite zu ziehen. Er braucht Europa, aber nicht so, wie es ist. Dies wurde insbesondere auf der Münchner Konferenz von US-Vizepräsident Vance und dem US-Außenminister Rubio erklärt. Ein ernsthafter Krieg mit Russland ist also nur dann möglich, wenn Trump durch einen anderen Präsidenten abgelöst wird, der bereit ist, Europa zu unterstützen, und dabei riskiert, die ganze Welt in einen thermonuklearen Krieg zu ziehen. Aber genau darin besteht die größte Illusion der Politiker, die zum Krieg gegen Russland aufrufen und hoffen, Trump „auszusitzen“. Trump wird irgendwann gehen, aber der geopolitische Moment wird bleiben: die Angst vor einer Niederlage der USA in gleichzeitiger Auseinandersetzung mit Russland und China.

Diese einfache geopolitische Rechnung nicht zu verstehen, bedeutet, sich selbst in die Enge zu treiben. Von wegen Unabhängigkeit!

1. https://www.rowohlt.de/buch/herfried-muenkler-macht-im-umbruch-9783737102155?srsltid=AfmBOooGhwG3O2S6r1dlAlO7K7X-_QNZhEY_OrI0huPEP939f9Cv5-n3

2. Klaus Naumann: „Eine historische Herausforderung”, in: Rotary-Magazin, 01.03 2017.

3. https://www.chbeck.de/braml-transatlantische-illusion/product/33368554

4. https://www.kas.de/de/web/die-politische-meinung/artikel/detail/-/content/transatlantische-illusion

5. Josef Braml: „Sicherheit vor dem ewigen Frieden“, in: Rotary-Magazin, 01.06.2022.

6. Ebenda

7. Ebenda