Das folgt aus den Schmitts Überlegungen zur Frage, warum Engländer, obwohl sie sich relativ spät und langsam zu der Eroberung der neuen Welt eingeschaltet haben, doch im Ergebnis zu den Herren des Meeres geworden sind. Sie waren keine Pioniere bei den technischen Entdeckungen, die zu der europäischen Herrschaft über die Welt geführt hatten. Schmitt schreibt: „Italiener haben den Kompass vervollkommnet; dem Denken und der Wissenskraft von Toscanelli und Columbus ist die Entdeckung Amerikas vor allem zu verdanken. Portugiesen und Spanier haben die ersten großen Entdeckerfahrten unternommen und die Erde umsegelt. Große deutsche Astronomen und vorzügliche Geographen haben zu dem neuen Weltbild beigetragen; ein deutscher Kosmograph, Waltzemüller, hat den Namen „Amerika“ erfunden. (1)
Auch bei der Entdeckung von neuen Erden war England kein Vorreiter: Alle west- und mitteleuropäischen Völker haben dabei beteiligt. Schmitt war von den Waljägern fasziniert, die durch Weltmeer jagten und die neue Welt entdeckt hatten. „Sie sind die Erstgeborenen einer neuen, elementaren Existenz, die ersten neuen, wirklichen ‚Kinder der See‘“, schreibt Schmitt, gestützt auf französischen Historiker Jules Michelet. „Wer hat, fragt Michelet, den Menschen den Ozean offenbar? Wer hat die Zonen und Straßen des Ozeans entdeckt? Mit einem Wort: Wer hat den Erdball entdeckt? Der Wal und der Walfischjäger! Und das alles unabhängig von Columbus und den berühmten Goldsuchern.“ Doch im Walfang, wie im Schiffbau, lagen anfangs die Holländer weit vorn. (2)
Neben den Waljägern und Seglern, so Schmitt weiter, bildeten Seeschäumer aller Art, Piraten, Korsaren, Seehandel treibende Abenteurer die Aufbruchskolonne der elementaren Wendung zum Meer, die sich in den 16. Und 17. Jahrhundert vollzieht. Schmitt bemerkt: „In solchen Seeschäumern bricht das Element des Meeres durch.“ Benoit zitiert einen weiteren wichtigen Satz aus Schmitts „Staatlicher Souveränität und freies Meers“: „Nicht eine staatliche Organisation, sondern der Privateer war der geschichtliche Träger der Entscheidung für die See und gegen das Land.“ Diese „Privateer“, also Kaperei, bildeten niederländische „Seegeusen“, die Flibustiere und Freibeuter, die Bukaniere der Karibik, die Hugenotten von La Rochelle, also nicht nur die Engländer. Schmitt schreibt: „Die Seefahrerleistung der Engländer sind, wie sich von selbst versteht, ebenfalls bedeutend. Aber erst nach 1570 dringen englische Seefahrer südlich über den Äquator vor. Erst im letzten Drittel des 16. Jahrhundert beginnt der große Aufbruch der englischen Korsaren zu Ozean- und Amerikafahrten.“ (3)
Dennoch spielten die englischen Korsaren eine wichtigste Rolle beim Aufstieg Englands zur Seemacht. Wie es Schmitt bemerkt, die heroische Zeit der Seeschäumer währte rund 150 Jahre, ungefähr von 1550 bis 1713, d.h. vom Beginn des Kampfes protestantischer Mächte gegen die katholische Weltmacht Spanien bis zum Frieden von Utrecht, wenn England seiner Weltherrschaft zum ersten Male sichtbar machte und Korsaren nicht mehr brauchte. Genau in Kaperei, so Schmitt, haben die ganzen Kategorien der verwegenen Seeräuber einen wirklichen Ruhm errungen, weil sie der spanischen Weltmacht und dem spanischen Handelsmonopol die ersten Stöße versetzten. Schmitt schreibt: „So die hugenottischen Piraten in der französischen Seefestung La Rochelle, die mit holländischen „Seegeusen“ zusammen zur Zeit der Königin Elisabeth gegen Spanien kämpften. Dann die sogenannten elisabethanischen Korsaren, die zu der Vernichtung der spanischen Armada (1588) wesentlich beigetragen haben“. (4)
Schmitt rühmt die Königin Elisabeth, die kein anderes weltgeschichtliches Bewusstsein hatte als die meisten ihrer Zeitgenossen, machte aber England von Land der Schafzüchter zum reichsten Land ihrer Zeit. Er schreibt: „Die Königin Elisabeth gilt freilich als die große Begründerin der englischen Seeherrschaft und hat diesen Ruhm auch voll verdient. Sie hat den Kampf mit der katholischen Weltmacht Spanien begonnen. Unter ihrer Regierung wurde die spanische Armada im Kanal besiegt (1588); sie hat Seehelden wie Francis Drake und Walter Raleigh geehrt und ermutigt; aus ihrer Hand erhielt die englische Ostindische Handelskompanie, die später ganz Italien für England erobert hat, im Jahre 1600 ihr Handelsprivileg. In den 45 Jahren ihrer Regierung (1588 bis 1603) wurde England ein reiches Land, was es vorher nicht gewesen war. Vorher trieben die Engländer Schafzucht und verkauften die Wolle nach Flandern; jetzt aber strömte von allen Meeren die märchenhafte Beute englischen Korsaren und Piraten zur englischen Insel. Die Königin freute sich dieser Schätze und hat sich daran bereichert. Sie hat in dieser Hinsicht in aller Jungfräulichkeit nichts anderes getan, als was zahlreiche adlige und bürgerliche Engländer und Engländerinnen ihrer Zeit taten. Sie waren alle am großen Beutegeschäft beteiligt. Hunderte und Tausende von Engländern und Engländerinnen wurden damals zu „Korsaren-Kapitalisten“, zu corsairs capitalists.“ (5)
Es war also England, auf dem Weg zum Protestantismus und Beutelkapitalismus, das „schließlich alle überholt, alle Rivalen besiegt und eine auf der Herrschaft über die Ozeane errichtete Weltherrschaft errungen haben“. Zuerst war es das katholische Spanien, die mit der Hilfe der Seeschäumer auf das Meer durch England besiegt wurde. Nicht nur modernere Flotte und weiter reichende Bewaffnung, sondern auch die Natur war auf britische Seite: Stürme und ungünstige Winde haben das Spanische Armada stark geschwächt. Dann war Frankreich, der nächste große Rivale, die besonders große Möglichkeit hatte, zum Herr des Meeres zu werden: „Sowohl durch seine geographische Lage an drei Küsten – am Mittelmeer, am Atlantischen Ozean und am Kanal -, durch seinen wirtschaftlichen Reichtum und durch den Seefahrergeist der Bevölkerung seiner atlantischen Küste.“ Nur nach der Schlacht bei Waterloo 1815, so Schmitt, begann eine Zeit der vollen unbestrittenen Seeherrschaft England. (6) Und wieder, wie im 1588 beim Sieg über Spanische Armada, half Engländer die Natur: Starkes Regen hat behindert, Napoleons Hauptangriff auf der britischen Armee ordentlich durchzusetzen.
Die glücklichen Zufälligkeiten spielten aber untergeordnete Rolle beim Aufstieg England zur überlegenden Seemacht. Zwar, so Schmitt, bestanden große Kolonialreiche anderer europäischer Völker weiter, aber sie verloren die Herrschaft über das Meer und die Verbindungslinien. England wurde zur „Universalerbe jenes großen Aufbruchs europäischer Völker“, behauptet Schmitt. “Es hat die großartigen Jäger und Segler, die Erforscher und Entdecker aller anderen europäischen Völker beerbt. Was deutsche, holländische, norwegische und dänische Seefahrer damals an maritimen Leistungen und kühnen Seefahrertaten vollbracht haben, mündete schließlich in der britischen Seeherrschaft über die Erde.“ (7)
Zur Frage, wie das möglich war, schreibt Schmitt: „Es lässt sich nicht durch allgemeine Vergleiche mit früheren geschichtlichen Beispielen einer Seeherrschaft erklären, auch nicht durch Parallelen mit Athen oder Karthago, Rom, Byzanz oder Venedig. Hier liegt ein in seinem Wesen einmaliger Fall vor. Seine Eigentümlichkeit, seine Unvergleichbarkeit besteht darin, dass England in einem ganz andern geschichtlichen Augenblick und ganz anders als jene früheren Seemächte eine elementare Wandlung vollzogen hat. Es hat seine Existenz wirklich vom Lande weg in das Element des Meeres verlegt. Es hat dadurch nicht nur viele Seeschlachten und Kriege, sondern etwas ganz anderes und endlich mehr, nämlich eine Revolution gewonnen, und zwar eine Revolution größter Art, eine planetarische Raumrevolution.“ (8)
Der wichtigste Gewinn war die Veränderung eines Volkes von Schafzüchtern in 16. Jahrhundert zu einem Volk von Kindern der See. Nach Schmitt war das die fundamentale Wandlung des politisch-geschichtlichen Wesens der Insel selbst. Schmitt schreibt: „Sie bestand darin, dass die Erde jetzt nur noch vom Meer aus gesehen, die Insel aber aus einem abgesprengten Stück des Festlandes zu einem Teil des Meeres wurde, zu einem Schiff oder noch deutlicher zu einem Fisch.“ Wie es Schmitt in seinen späteren Werken präzisiert hat: zu einem „Piratenschiff“ und zu einem „großen Walfisch“. Das heißt, dass die Insel selbst, wie ein Schiff oder wie ein Fisch, an einem anderen Teil der Erde schwimmen kann, „denn sie ist ja nur noch der transportable Mittelpunkt eines über Kontinente zusammenhangslos verstreuten Weltreiches.“ Als in Ozean schwimmender Insel errichtete England über die ganze Erde ein in allen Erdteilen verstreutes, britisches Weltreich. „Die englische Welt dachte in Stützpunkten und Verkehrslinien“, schreibt Schmitt zum Kern der britischen Seemacht und erinnert den führende englische Politiker in der Zeit der Königin Viktoria, Disraeli, der im Hinblick auf Indien sagte, dass das Britische Reich mehr eine asiatische als eine europäische Macht ist. Er hat den Vorschlag gemacht, die Königin von England sollte nach Indien umziehen. Das Schiff konnte die Anker lichten und in einem anderen Erdteil vor Anker gehen. (9)
Eine bloße Entdeckung neuer Erdteile und Ozeane war also nicht genügend, „um eine Herrschaft über das Weltmeer und eine Entscheidung für die See als Element zu begründen.“ Wie es schon zitiert wurde, zu einer Raumrevolution gehört, eine totale Veränderung des menschlichen Geistes, Zerstörung den alten und Bildung den neuen Formen der menschlichen Gemeinschaft zu erschaffen. Es waren die Engländer, die das gemacht haben: die wahren Kinder der See auf die frei in Ozean schwimmenden Insel. „England ist eine Insel“, betont Schmitt. „Aber erst indem es Träger und Mittelpunkt der elementaren Wendung vom festen Land zur hohen See wurde, und nur als Erbin aller damals entfesselten maritimen Energien verwandelte es sich in die Insel, die man meint, wenn man immer wieder betont, dass England eine Insel ist. Und erst indem es in einem neuen, bisher unbekannten Sinne zur Insel wurde, hat es die britische Seenahme der Weltozeane vollendet und den damaligen ersten Abschnitt der planetarischen Raumrevolution gewonnen.“ (10)
Schmitts Interpretation widerspricht eigentlich nicht die klassischen Überlegungen zur Frage, warum genau England zur ersten Weltmacht geworden wurde. Englische Seeschäumer haben einen wesentlichen Beitrag für die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals gemacht, also für die daraus folgende ökonomische Überlegenheit Englands. Die maritim gewordenen Existenz der Engländer hat in alle Bereiche des menschlichen Lebens durchgedrungen und die notwendigen Voraussetzungen für die industrielle Revolution vorbereitet. So vernichtete die freie Landwirtschaft die Kleinbauernhöfe und befreite Hunderttausende Menschen für die Arbeit an den Fabriken: ein Grundsatz der Industrialisierung in allen Ländern und in allen Zeiten. Die Gründung der Bank of England im Jahr 1694, der zur Mutter des modernen Banksystems geworden ist, hat nicht nur geholfen, das frische Geld für die Rettung der englischen Handelsflotte nach Überfall auf den Smyrna-Konvoi 1693 zu finden, sondern öffnete breit die Türen für die Entfaltung der freien Marktwirtschaft unter der englischen Flagge. Man kann sagen, dass das königliche Privileg, eine Notenbank in der Rechtsform einer Aktiengesellschaft zu gründen, hat England wesentlich geholfen, seine Herrschaft auf das Meer zu vollendet und endgültig zur Seemacht zu machen.
1. Schmitt, Carl: Land und Meer, S. 38-39.
2. Ebenda, S. 29, 34-35.
3. Schmitt, Carl: Land und Meer, S. 39, 41; Benoist, Alain de: Carl Schmitts „Land und Meer“, S. 40.
4. Schmitt, Carl: Land und Meer, S. 40-42.
5. Ebenda, S. 45-46.
6. Ebenda, S. 39, 96.
7. Ebenda, S. 51-53.
8. Ebenda, S. 28. 52-54.
9. Schmitt, Carl: Land und Meer, S. 92-95; Benoist, Alain de: Carl Schmitts „Land und Meer“, S. 42.
10. Schmitt, Carl: Land und Meer, S. 28, 68, 90.