Schmitt verweigert nicht, die mythischen Tiere Leviathan und Behemoth – in der Tradition der geopolitischen Denkweise – zu benutzen, um seiner Tochter Anima die weltgeschichtliche Bedeutung des Kampfes zwischen Land und Meer, bzw. zwischen Seemächten und Landmächten anschaulich zu zeigen. Noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts, so Schmitt, war es ein beliebtes Bild, die damaligen Spannungen zwischen Russland und England als den Kampf eines Bären mit einem Walfisch zu bezeichnen. Und weiter: „Der Walfisch ist hier der große, mythische Fisch, der Leviathan, von dem wir noch einiges hören werden, der Bär einer der vielen symbolischen Vertreter der Landtiere. Nach mittelalterlichen Deutungen der sogenannten Kabbalisten, ist die Weltgeschichte ein Kampf zwischen dem mächtigen Walfisch, dem Leviathan, und dem ebenso starken Landtier, dem Behemoth, den man sich als einen Stier oder Elefanten vorstellte. Die beiden Namen, Leviathan und Behemoth, stammen aus dem Buche Hiob (Kap. 40 und 412). Die Kabbalisten sagen nun, der Behemoth bemühe sich, den Leviathan mit den Hörnern oder Zähnen zu zerreißen, der Leviathan dagegen halte mit seinen Fischflossen dem Landtier Maul und Nase zu, dass es nicht essen und nicht atmen kann. Das ist, so anschaulich wie es eben nur ein mythisches Bild vermag, die Schilderung der Blockade einer Landmacht durch eine Seemacht, die dem Land die Zufuhren abschneidet, um es auszuhungern.“ (1)
Mithilfe der mythischen Tiere erklärt Schmitt der globale Wandel im 19. Jahrhundert, wenn „infolge des erstaunlichen wirtschaftlichen Aufstiegs, der jetzt eintrat, glaubte ein positivistisches, von dem schnell wachsenden Reichtum geblendetes Zeitalter, dass dieser Reichtum sich immer noch weiter steigern und in das tausendjährige irdische Paradies einmünden werde“. Aber gerade in dieser Zeit, wenn englischen Vorbild in der ganzen Welt ihren Höhepunkt erreicht hat, begann ein innerer Wandel, „der an das Wesen des Leviathan rührte“. Es war die Folge der industriellen Revolution. Schmitt schreibt: „Diese hatte mit der Erfindung der Maschinen im 18. Jahrhundert in England eingesetzt. Der erste Kokshochofen (1735), der erste Gussstahl (1740), die Dampfmaschine (1768), die Spinnmaschine (1770), der mechanische Webstuhl (1786), alles zuerst in England, das sind einige Beispiele, die deutlich machen, wie groß der industrielle Vorsprung Englands vor allen anderen Völkern war. Dampfschiff und Eisenbahn folgten im 19. Jahrhundert. England blieb auch hier an der Spitze. Die große Seemacht wurde gleichzeitig die große Maschinenmacht. Jetzt schien ihre Weltherrschaft endgültig zu sein.“ (2)
Es war, behauptet Schmitt, „in der Tat eine Wesenswandlung außerordentlicher Art“, „ein neues Stadium in dem elementaren Verhältnis von Land und Meer“. Er schreibt: „Die Maschine veränderte das Verhältnis des Menschen zum Meer. Der verwegene Menschenschlag, der bisher die Größe der Seemacht bewirkt hatte, verlor seinen alten Sinn. Die kühnen seemännischen Leistungen der Segelschiffe, die hohe Kunst der Navigation, die harte Zucht und Auswahl eines bestimmten Menschenschlages, alles das verblasste in der Sicherheit des modernen, technischen Seeverkehrs. Die See bewahrte immer noch ihre menschenformende Kraft. Aber die Weiterentwicklung eines mächtigen Stoßes, der ein Volk von Schafzüchtern in Piraten verwandelt hatte, ließ nach und hörte allmählich auf. Zwischen das Element des Meeres und die menschliche Existenz wurde ein maschineller Apparat eingeführt.“ (3)
Auf der Maschinenindustrie errichtete Meeresherrschaft, so Schmitt weiter, ist offenbar etwas anderes als eine Macht der See. Er schreibt: „Ein Segelschiff, das nur von menschlicher Muskelkraft bedient wird, und ein von Dampfrädern bewegtes Schiff stellen schon zwei verschiedene Beziehungen zum Element des Meeres dar. Die industrielle Revolution verwandelte die aus dem Element des Meeres geborenen Kinder der See in Maschinenbauer und Maschinenbediener.“ Es beginnt die neue Epoche des modernen Industrie- und Wirtschaftskrieges. Schmitt schreibt: „Wir stehen hier in aller Sachlichkeit fest, dass die rein maritime Existenz, das Geheimnis der britischen Weltmacht, in ihrem Wesenskern getroffen war. Aber die Menschen des 19. Jahrhunderts merkten es nicht. Denn ob Fisch oder Maschine, der Leviathan wurde auf jeden Fall immer noch stärker und mächtiger, und seines Reiches schien kein Ende.“ (4)
Der amerikanische Admiral Mahan war genau der Mann, der am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen merkwürdigen Versucht gemacht hat, „die Ursituation der britischen Seenahme auch im Zeitalter der Maschine weiterzuführen“. Schmitt schreibt: „Der Admiral fühlte den Wandel der Zeit, er sah die gewaltigen Veränderungen der Maße und Maßstäbe, die mit der industriellen Entwicklung unweigerlich eintraten.“ Aber genau mit Mahan begann den größten geopolitischen Irrtum der Amerikaner, die sich in der Rolle bestätigten, die „britische Seenahme“ zu verewigen und angloamerikanische Seeherrschaft über die Welt „in großen Stil“ fortzusetzen. Schmitt schreibt: „Aber er (Admiral Mahan, Anm. des Autors) sah nicht, dass die industrielle Umwälzung gerade den wesentlichen Punkt, das elementare Verhältnis des Menschen zum Meer betraf. So kommt es, dass er in der alten Linien weiterdenkt. Seine größere Insel soll eine überkommene, alternde Tradition in einer völlig neuen Situation konservieren. Die alte, zu kleinen Insel und der ganze Komplex einer auf ihr errichteten See- und Weltmacht soll an die neue Insel angehängt und von ihr, wie von einem riesigen Bergeschiff, geborgen werden“. Nach Schmitt trifft aber Mahans Konstruktion der USA als größerer Insel nicht den elementaren Kern einer neuen Raumordnung: „Sie ist nicht aus dem Geist der alten Seefahrer geboren. Sie kommt aus einem konservativen Bedürfnis nach geopolitischer Sicherheit und hat nichts mehr von den Energien des elementaren Aufbruchs, „die im 16. und 17. Jahrhundert das weltgeschichtliche Bündnis zwischen wagenden Seefahrertum und calvinistischem Prädestinationsglauben zustande gebracht haben.“ (5)
Zum Ende des 19. Jahrhundert verwandelte sich also der Leviathan, dieses Symbol der Seemacht, aus einem großen Fisch in eine Maschine. Die Vereinigten Staaten von Amerika, die sich als eine neue Wirtschaftsmacht behaupteten, kündigten an, den britischen Empire zu ersetzen und zum neuen Hüter der Weltordnung zu werden. Aber eine Übertragung der Weltmacht von einer Insel auf eine andere kann nicht reibungslos vonstatten gehen, wenn wir die wichtigen Bestandteile eines weltgeschichtlichen Wendepunkts außer Acht lassen. Es handelt sich um Energien des elementaren Aufbruchs, planetarischer Raumrevolution und Geist der Pionier, die die menschliche Vorstellung um Raum und die Existenz der Menschen seit 16. Jahrhundert grundsätzlich geändert und den ersten Nomos der Erde geltend gemacht haben. Die Verwandlung des großen Fisches in eine Maschine symbolisiert den Beginn einer neuen historischen Epoche, die die Existenz der Menschheit radikal verändern und einen neuen Nomos der Erde definieren soll. Dies ist eine weitere Ermahnung, die Schmitt an seine Tochter Anima weitergeben möchte.
Es geht in erster Linie um der neuen planetarischen Raumrevolution, die sich in der Tiefe des technischen Fortschrittes und industriellen Revolutionen braut. Schmitt schreibt: „Die industrielle Entwicklung und die neue Technik ließen sich nicht auf dem Stande des 19. Jahrhunderts festhalten. Sie blieben nicht beim Dampfschiff und der Eisenbahn stehen. Schneller, als selbst die maschinengläubigsten Propheten es geahnt hatten, änderte sich die Welt und trat in das Zeitalter der Elektrotechnik und Elektrodynamik ein. Elektrizität, Flug- und Funkwesen bewirkten eine solche Umwälzung aller Raumvorstellungen, dass offensichtlich ein neues Stadium der ersten planetarischen Raumrevolution, wenn nicht gar eine zweite neue Raumrevolution eingesetzt hatte.“ (6)
Die Luft wird zum neuen Bereich den menschlichen Aktivitäten, die eine „raumrevolutionäre Wirkung“ hat. Schmitt schreibt: „Als das Flugzeug hinzukam, war sogar eine neue, zu Land und Meer hinzutretende, dritte Dimension erobert. Jetzt erhob sich Mensch über die Fläche des Landes wie die des Meeres und bekam ein völlig neuartiges Verkehrsmittel und eine ebenso neue Waffe in die Hand. Die Maße und Maßstäbe veränderten sich weiter, und die Möglichkeiten menschlicher Herrschaft über die Natur und über andere Menschen stiegen in unabsehbare Bereiche.“ Schmitt wendet sich an Anima: „Stellt man sich außerdem noch vor, dass nicht nur Flugzeuge den Luftraum über Land und Meer durchfliegen, sondern auch ununterbrochen die Funkwellen von Sendern aller Länder mit Sekundenschnelle durch den atmosphärischen Raum um den Erdball kreisen, so liegt es nahe, zu glauben, dass jetzt nicht nur eine neue, dritte Dimension erreicht, sondern sogar ein drittes Element hinzugetreten ist, die Luft als einer Elementarbereich menschlicher Existenz. Zu den beiden mythischen Tieren Leviathan und Behemoth wurde dann noch ein drittes, ein großer Vogel, hinzutreten.“ (7)
In der 21. Jahrhundert, wenn Satelliten, Drohnen und Raketen die Vorteile der Seemacht gegenüber Landmacht wesentlich verringert haben, unter anderem bei der modernen Kriegsführung, bekommt die Eroberung der Luft die entscheidende „raumrevolutionäre“ Rolle. Aber, so Schmitt, kommt zusätzlich zum Luft noch ein neuen wichtigen Element der menschlichen Aktivität: der Feuer. Man sollte nämlich daran denken, „mit welchen technisch-maschinellen Mittel und Energien die menschliche Macht im Luftraum ausgeübt wird“, also an „Explosionsmotoren“, durch die die „Luftmaschine“ bewegt werden. (8)
Heute gehören zum Element Feuer sicherlich nicht nur damals traditionelle Brennstoffe wie Benzin und Kerosin, sondern Uran und viele andere Quellen der Energie, unter anderem Wasserstoff, die die Möglichkeit menschlicher Herrschaft über die Natur und über anderen Menschen noch mehr vergrößern.
Jedoch ist für Schmitt die Frage der beiden neuen, zu Land und Meer hinzutretenden Elemente nicht die entscheidendste. Er spricht über zwei sachliche und sichere „Feststellungen“ der neuen Raumrevolution. Die erste, so Schmitt, betrifft den Wandel des Raumbegriffs, der mit dem neuen Stadium der Raumrevolution eingetreten ist. Er schreibt: „Dieser Wandel geht nicht weniger tief wie der des 16. und 17. Jahrhunderts, den wir kennengelernt haben. Damals fanden die Menschen die Welt im leeren Raum. Heute verstehen wir unser Raum nicht mehr eine bloße, von jeder denkbaren Inhaltlichkeit leere Tiefendimension. Raum ist uns ein Kraftfeld menschlicher Energie, Aktivität und Leistung geworden.“ (9)
Im letzten Satz hebt Schmitt noch einmal deutlich hervor, dass die menschliche Energie die wichtigste und entscheidende Triebkraft der modernen Weltgeschichte ist. Es waren zuerst die Europäer, geleitet von Seeschäumen und Calvinisten, die seit 16. bis 20. Jahrhunderten den neuen entdeckten planetarischen Raum mit ihrer menschlichen Energie gefühlt haben. Im 20. Jahrhundert übernahmen den Stab die Amerikaner, die mit ihrer unglaublichen Energie die Welt mechanisiert und industrialisiert haben. Nun kam die Zeit den asiatischen Völkern unter der Führung von Chinesen. Auf dem Weg zur Explosion der menschlichen Energie sind Indien, Russland, Südafrika, Brasilien, islamischen Welt. Zum Kraftfeld menschlicher Energie, Aktivität und Leistung wird nun der ganze Planet.
Die zweite „Feststellung“, so Schmitt, betrifft das elementare Verhältnis von Land und Meer. Er schreibt: „Das Meer ist heute nicht mehr ein Element wie zur Zeit der Waljäger und Korsaren. Die heutige Technik der Verkehrs- und Nachrichtenmittel hat aus ihm einen Raum im heutigen Sinne des Wortes gemacht. Heute kann, in Friedenszeiten, jeder Reeder täglich und stündlich wissen, an welchem Punkt des Ozeans sein Schiff auf hoher See sich befindet. Damit ist, gegenüber der Segelschiffszeit, die Welt des Meeres für den Menschen elementar verändert. Ist dem aber so, dann entfällt auch die Teilung von Meer und Land, auf der sich die bisherige Verbindung von See- und Weltherrschaft errichten lässt. Es entfallen die Grundlage der britischen Seenahme und damit der bisherige Nomos der Erde. Stattdessen wächst unaufhaltsam und unwiderstehlich der neue Nomos unseres Planeten. Ihn rufen die neuen Beziehungen des Menschen zu den alten und den neuen Elementen, und die veränderten Maße und Verhältnisse menschlicher Existenz erzwingen ihn. (10)
In der neuen Raumrevolution verliert also die Formel „Seemacht ist Weltmacht“ an ihre Bedeutung. Man kann sagen, dass die Weltgeschichte als eine Geschichte des Kampfes von Seemächten gegen Landmächte zum Ende geht. Noch eine „Überraschung“ für die Weltherrschaftsambition bereitet die industrielle Revolution. Nach klassischer Qualifikation begann die erste industrielle Revolution in England, die sich auf die Nutzung der Dampfkraft und die Mechanisierung der Produktion zurückgreift. Bei der zweiten Industrierevolution im 19. Jahrhundert, betrieben durch Entdeckung von Elektrizität und Fließbandfertigung, wurde England von anderen Ländern eingeholt, unter anderem von Deutschland. Schmitt schreibt dazu: „In wenigen Jahren, in der Zeit von 1980 bis 1914, hat ein Staat des europäischen Festlandes, Deutschland, den englischen Vorsprung eingeholt und auf wichtigen Gebieten, im Maschinen-, Schiffs- und Lokomotivenbau sogar überholt, nachdem Krupp auf dem Gebiet des Geschützbaues schon im Jahre 1868 sich den Engländern gewachsen gezeigt hatte.“ Zum Weltkrieg 1914 wurde also Deutschland relativ gut vorbereitet, „während ein riesengroßes Agrarland, das zaristische Russland, 1914 den ersten Welt- und Materialkrieg begann, ohne ein eigenes modernes Motorenwerk auf seinem weiten Boden zu besitzen“. (11)
Es ist jedoch erwähnenswert, dass dem bolschewistischen Russland gelungen ist, in den 1930er Jahren, obwohl mit den großen Schwierigkeiten und menschlichen Verlusten, die industrielle Revolution durchzusetzen und dem hochindustrialisierten faschistischen Deutschland im Zweiten Weltkrieg mit modernen Waffen gegenüber zu stehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg machten die Vereinigten Staaten beispiellose Fortschritte, vor allem bei der Entwicklung von Atomwaffen, allerdings nicht ohne die Hilfe des deutschen technischen Geistes. Im Kalten Krieg wurde sie aber ständig von Sowjetunion in vielen technischen Bereichen eingeholt oder sogar überholt. Nur die dritte industrielle Revolution, die mit der Entwicklung von Computer verbunden ist, hat Sowjetunion sicherlich verpasst und nach Perestroika fast endgültig begraben. Nach den turbulenten 1990er Jahren begann Putins Russland den technischen und industriellen Rückstand zu überwinden: teilweise mit Erfolg, teilweise mit großer Verzögerung. Die Geschichte zeigt jedoch, dass mit jeder neuen industriellen Revolution die Chancen eines Landes, seine führende Position im technischen Fortschritt zu halten, immer geringer werden. Es gäbe also in der neuen planetarischen Revolution keinem einzigen Favoriten mehr, wie es in den Epochen der Seemacht Englands und der Maschinenmacht Amerikas war. Das beweisen die Erfolge China und anderer Länder bei der Entwicklung von IT-Technologien, künstlicher Intelligenz, Elektromobilen usw.
Die Vorbedienungen des neuen Nomos der Erde, aus denen „überhaupt ein Gesetz entstehen kann“, sind also nicht nur von Technik und menschlicher Energie abhängig. Aber wo liegt dann der Kern der globalen Veränderung? Benoist findet ihn in Schmitts Überlegungen zum „Großraum“.
1. Schmitt, Carl: Land und Meer, S. 16-17.
2. Ebenda, S. 97.
3. Ebenda, S. 98.
4. Ebenda, S. 97-99.
5. Ebenda, S. 101-102.
6. Ebenda, S. 103.
7. Ebenda, S. 104-105.
8. Ebenda, S. 105.
9. Ebenda, S. 106.
10. Ebenda, S. 106-107.
11. Ebenda, S. 103-104.