Solcher Konflikt verbindet Huntington mit der Indigenisierung, die durch ein demokratisches Paradox begünstigt wird: Die Übernahme westlich-demokratischen Institutionen durch nichtwestliche Gesellschaften ermutigt nativistische und antiwestliche politische Bewegungen und verschafft ihnen Zugang zur Macht. In den sechziger und siebziger Jahren wurden verwestlichte und prowestliche Regierungen in Entwicklungsländern von Staatsstreichen und Revolutionen bedroht; in den achtziger und neunziger Jahren laufen sie zunehmend Gefahr, abgewählt zu werden. Demokratisierung gerät in Konflikt mit Verwestlichung, so ist die Huntingtons These, und Demokratie inhärent ein provinzialisierender, kein kosmopolitisierender Vorgang. Politiker in nichtwestlichen Gesellschaften gewinnen Wahlen nicht, indem sie unterstreichen, wie westlich sie sind. Der Wahlkampf verlangt vielmehr die Artikulation dessen, was sie für die volkstümlichen Appelle halten, und die sind gewöhnlich ethnischen, nationalistischen und religiösen Charakter. (1)
Nun sollen sich ehrgeizige Führungspersönlichkeiten in den nichtwestlichen Staaten nicht mehr auf den Westen zählen, um zu Macht und Wohlstand zu gehen. Sie müssen die Mittel zum Erfolg in ihrer eigenen Gesellschaft finden, und daher müssen sie sich den Werten und der Kultur dieser Gesellschaft unterwerfen. Sogar die Vertreter der ersten Generation der Modernisierung sollten sich selbst indigenisieren. Drei namhafte Fälle sind Mohammad Ali Jinnach, Harry Lee und Solomon Bandaranaike. Die drei waren brillante Absolventen von Oxford, Cambridge bzw. Lincolnn’s Inn und gründlich verwestlichte Mitglieder der Elite ihrer Heimatländer. Aber um ihre Nationen in die Unabhängigkeit und weiter führen zu können, mussten sie sich indigenisieren. Sie kehrten zur Kultur ihrer Ahnen zurück und veränderten dabei nach und nach Identität, Namen, Kleidung und Gesinnung. Der Laizist Jinnach wandelte sich zum glühenden Apostel des Islams als Fundament des pakistanischen Staates. Der englisierte Lee lernte Mandarin und wurde ein entscheidender Verfechter des Konfuzianismus. Der Christ Bandaranaike bekehrte sich zum Buddhismus und appellierte an den singhalesischen Nationalismus. (2)
Die Logik des Konfliktes scheint aber tiefer zu werden, was bei Huntington auch gut nachvollziehbar ist. Es handelt sich um einen tiefgreifenden Konflikt zwischen Eliten, die von Reformierungsgeist besessen sind, und dem Volk, das durch traditionelle Kultur befasst ist. Die Spaltung der Gesellschaft und die mutige Suche nach neuer Identität sind die kraftvollen Symptome dieses Konfliktes. Huntington beschreibt dies am Beispiel des Kemalismus, der die Türkei zur klassischen Spaltung des Landes in Volk und Elite führte, sowie am Beispiel Russlands. Mustafa Kemal bemüht sich, die Türkei seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts zu modernisieren. Russland hingegen ist seit Peter dem Großen, also seit mehreren Jahrhunderten, ein zerrissenes Land, das der Frage gespaltet ist, ob es Teil der westlichen Zivilisation oder Kern einer eigenen, eurasisch-orthodoxen Zivilisation ist. Würde Russland westlich werden, stellt Huntington fest, hörte die orthodoxe Zivilisation auf zu bestehen. (3)
Bis zur Regierungszeit Peters des Großen (1689-1725) existierte das Moskauer Reich separat vom Westen und hatte wenig Kontakt zu westeuropäischen Gesellschaften. Eine russische Zivilisation entwickelte sich als Ableger der byzantinischen Zivilisation, danach stand Russland zweihundert Jahre lang unter mongolischer Herrschaft. Russland kam wenig oder gar nicht in Berührung mit den definierenden historischen Phänomenen der westlichen Zivilisation: dem römischen Katholizismus, dem Feudalismus, der Renaissance, der Reformation, der überseeischen Expansion und Kolonisierung. Die einzige mögliche Ausnahme ist das klassische Erbe, das jedoch auf dem Weg über Byzanz nach Russland kam und sich daher stark von dem unterscheidet, was der Westen direkt aus Rom empfing.
Ende des 17. Jahrhunderts war Russland nicht nur von Europa verschieden, es war auch im Vergleich zu Europa rückständig, wie Peter der Große bei seiner Reise durch Europa 1697/98 feststellen musste. Er kehrte nach Russland mit dem Entschluss zurück, sein Land zu modernisieren und zu verwestlichen. Er bewirkte mit seinen Reformen einige Veränderungen, aber seine Gesellschaft blieb ein Zwitter: Außer bei einer kleinen Elite überwogen in der russischen Gesellschaft asiatische und byzantinische Methoden, Institutionen und Überlegungen. Peter schuf ein zerrissenes Land, und im 19. Jahrhundert beklagten Slawophile wie Westler gemeinsam diesen unglücklichen Zustand und stritten heftig darüber, ob man ihn durch gründliche Europäisierung oder aber durch Ausschaltung europäischer Einflüsse und Rückkehr zur wahren Seele Russlands beseitigen solle. (4)
Bolschewiki entschied den Streit zwischen Slawophile und Westler auf brillante Weise: Russland war anders als Westen und setzt dem Westen fundamental entgegen, weil es fortgeschrittener war als der Westen. Doch eine machtvolle Bande zum Westen ist in der Sowjetunion geblieben. Marx und Engels waren Deutsche; die meisten Hauptvertreter ihrer Anschauungen Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts waren Westeuropäer. Durch die Übernahme einer westlichen Ideologie und deren Instrumentalisierung zur Herausforderung des Westens kamen die Russen in gewisser Weise dem Westen näher und waren enger mit ihm verbunden als zu irgendeiner früheren Zeit ihrer Geschichte. Obgleich sich die Ideologie der liberalen Demokratie und die des Kommunismus stark voneinander unterschieden, sprachen doch beide Seiten in gewisser Weise dieselbe Sprache. Der Zusammenbruch der Sowjetunion beendete diese politisch-ideologische Interaktion zwischen dem Westen und Russland, doch das bedeutete nicht den gewünschten Sieg der liberalen Demokratie im ganzen früheren Sowjetimperium. Aus damaligen Sicht (1995) schätzte Huntington die Zukunft der Demokratie in Russland und den anderen orthodoxen Republiken als ungewiss. (5)
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entbrannte der Streit um Russlands wahre Identität in voller Heftigkeit. Sollte Russland westliche Werte, Institutionen und Praktiken übernehmen und versuchen, ein Teil des Westens zu werden? Oder verkörperte Russland eine eigene, vom Westen verschiedene, orthodox-eurasische Zivilisation zwischen Europa und Asien zu sein? Intellektuelle und politische Eliten sowie die allgemeine Öffentlichkeit waren in diesen Fragen zutiefst gespaltet. Auf der einen Seite gab es die Westler, die „Kosmopoliten“ oder „Atlantiker“, auf der anderen Seite die Nachfolger der Slawophile, abwechselnd als „Nationalisten“, „Eurasier“ oder „derschawniki (Anhänger eines starken Staates) bezeichnet. In der zentralen Frage seiner Identität, bemerkt Huntington, blieb Russland in den neunziger Jahren ganz klar ein zerrissenes Land, wobei die Dualität zwischen Westlern und Slawophilen „ein unveräußerlicher Zug des Nationalcharakters“ war. (6)
Huntingtons Schlussfolgerung lautet: Die Geschichte demonstriert mit Nachdruck die Festigkeit, Elastizität und Geschmeidigkeit indigener Kulturen und ihre Fähigkeit, sich aus selbst zu erneuern und Importe aus dem Westen abzustoßen, einzudämmen und zu absorbieren. Ein Führer, der von der Hybris besessen ist, zu glauben, er könnte ihre Gesellschaft neu machen, dürfte zum Scheitern verurteilt sein. Er könnte wohl Elemente der westlichen Kultur einführen, aber die Kernelemente der indigenen Kultur vermag er nicht dauerhaft zu unterdrücken oder zu eliminieren. Er könnte Geschichte machen, aber er kann die Geschichte nicht entringen. Er erzeugt ein zerrissenes Land; er schafft aber kein westliches Land. (7)
Es klingt wie eine Mahnung an nichtwestlichen Gesellschaften, die im ausgehenden 20. Jahrhundert dabei sind, kemalistische Option zu verwirklichen und eine eigene durch eine westliche Identität zu ersetzen. Je mehr ihre traditionellen Kulturen von der westlichen Kultur unterscheiden, desto tiefer fallen sie in die kulturelle Zerrissenheit. In den ehemaligen Sowjetrepubliken, die sich unter der Ägide der orthodoxen Kirche lange Zeit entwickelten, wie z. B. Ukraine, Georgien, Armenien, Moldawien und Weißrussland, ist solche Gefahr besonders groß. Das Szenarium ist bekannt: zuerst die Euphorie von mögliche Modernisierung durch die Verwestlichung, dann der gesellschaftliche Konflikt und die Enttäuschung wegen wachsenden ökonomischen Misserfolg und letztendlich die Rückkehr zu den traditionellen Ressourcen des Erfolges und Wirtschaftsentwicklung.
Russland hat voraussichtlich aus der tiefen Krise der 1990-er Jahre und der Enttäuschung von west-liberaler Reformierung gute Lehre gemacht. Es nahm den dritten, schon gut erprobten Weg aus, der den allgemeinen Trend in der nicht westlichen Welt bezeichnen sollte: Modernisierung ohne Verwestlichung. Dieser Weg beendet natürlich nicht den Streit zwischen Westlern und Slawophilen, schließt aber nicht die weitere Entwicklung der Demokratie nach eigener Art, die mehr Möglichkeiten gibt, das zerrissene Land in Normalität zu bringen.
Eine besondere Aufmerksamkeit schenkt Huntington der Ukraine – einem gespaltenen Land mit zwei unterschiedlichen Kulturen. Die kulturelle Bruchlinie zwischen dem Westen und der Orthodoxie verläuft seit Jahrhunderten durch das Herz dieses Landes. In der Vergangenheit war die westliche Ukraine abwechselnd ein Teil Polens, Litauens bzw. des österreichisch-ungarischen Kaiserreiches. Ein sehr großer Teil ihrer Bevölkerung bekennt sich zur Unierten Kirche, welche zwar orthodoxe Riten praktiziert, aber auch die Autorität des Papstes anerkennt. Seit jeher haben die Westkulturen Ukrainisch gesprochen und sind stark nationalistisch eingestellt gewesen. Das Volk der Ostukraine war dagegen stets ganz überwiegend orthodox und sprach immer schon zu einem großen Teil Russisch. Die Krim ist überwiegend russisch und war Teil der Russischen Föderation bis 1954, als Chruschtschow sie an die Ukraine transformierte. (8)
Das Ergebnis dieser Spaltung, so Huntington, gibt es drei Möglichkeiten, wie sich die Beziehungen zwischen der Ukraine und Russland entwickeln könnten. Die erste ist die Wahl einer deutlich nach Russland orientierenden Ukraine, die die Wahrscheinlichkeit eines verschärften Konflikts zwischen beiden Ländern verringert. Eine andere und für Huntington wahrscheinlichste Szenario ist, dass die Ukraine geeint und zweigeteilt bleibt, unabhängig und doch generell eng mit Russland zusammenarbeitend. Noch eine wahrscheinliche Möglichkeit ist, dass die Ukraine entlang ihrer Bruchlinie in zwei Teile zerfällt, deren östlicher mit Russland verschmelzen würde. Das Thema Abspaltung kam erstmals im Zusammenhang mit der Krim aufs Tapet. Die zu 70 Prozent russische Öffentlichkeit der Krim unterstützte bei einem Referendum im Dezember 1991 mit erheblicher Mehrheit die Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion. Im Mai 1992 votierte das Parlament der Krim zugleich für die Unabhängigkeit der Krim von der Ukraine, um danach auf Druck der Ukraine diesen Beschluss zu widerrufen. Im Januar 1994 wählte die Bevölkerung der Krim einen Präsidenten, der seinen Wahlkampf mit der Parole „Einheit mit Russland“ geführt hatte. (9)
Die Wahl der ukrainischen Elite, eine Modernisierung und Verwestlichung ohne Kooperation mit Russland zu realisieren und es sogar zum Aggressor zu deklarieren, erzeugt eine zerrissene Gesellschaft, aber schafft kein blühendes Land. Das demokratische Paradox hat die Spaltung der ukrainischen Gesellschaft noch mehr verschärft, die sich von Wahlen zu Wahlen noch tiefer im Konflikt „allen gegen allen“ rutscht.
Huntingtons Überlegungen zum Konflikt zwischen Verwestlichung und Modernisierung stehen Carl Schmitts Vorstellung von Demokratie als Bewegung der Gesellschaft hin zu einer Reihe von Identitäten nahe: Herrscher und Beherrschte, Elite und Volk, Staat und Recht usw. Dies erklärt, warum sich die Massen gegen die Eliten mobilisieren, wenn der Reformgeist zu Konflikten innerhalb der Gesellschaft führt. Die Demokratie ist nicht nur ein formales Regierungssystem, das auf bestimmten Werten beruht, wie etwa den liberalen Werten des Westens, sondern ein Prozess des ewigen Strebens der Menschheit nach einem besseren, glücklicheren und vor allem wohlhabenderen Leben. Die gescheiterten Versuche pro-westlicher Eliten, ihre nicht-westlichen Gesellschaften zu verwestlichen, sind ein klarer Beweis dafür.
1. Huntington, Samuel P.: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, Wilhelm Goldmann Verlag, 2002, 141.
2. Ebenda, S. 140, 142.
3. Ebenda, S. 218.
4. Ebenda, S. 218-219, 221.
5. Ebenda, S. 222-224.
6. Ebenda, S. 224, 226.
7. Ebenda, S. 245.
8. Ebenda, S. 264.
9. Ebenda, S. 266-268.