Nach Huntingtons Ansicht liegt dies im Interesse der Vereinigten Staaten und der europäischen Länder, weil es die Erhaltung der westlichen Kultur begünstigt, während die Macht des Westens schwindet. Nach dem Kalten Krieg, argumentiert er, hat Russland eine „russische Karte“ in der Hand. Russland und China zusammen würden das eurasische Gleichgewicht entscheidend verändern und alle Befürchtungen reaktivieren, die in den fünfziger Jahren in Bezug auf die chinesisch-sowjetische Beziehung bestanden. Ein eng mit dem Westen zusammenarbeitendes Russland würde dagegen in globalen Streitfragen ein zusätzliches Gleichgewicht gegen die konfuzianisch-islamische Schiene schaffen. Natürlich hat Russland Probleme mit diesen beiden Kulturen, dem Konfuzianismus und dem Islam. Aber sie sind eher kurzfristiger Art als die, die sich in den Beziehungen zwischen Russland und dem Westen seit dem Ende des Kalten Krieges entwickelt haben. Beide Seiten müssen sich noch über ihre grundsätzliche Gleichheit und ihre jeweiligen Interessensphären einigen. (1)
Huntington erläutert, was dies in der Praxis bedeutet würde. Erstens: Russland akzeptiert die Erweiterung der Europäischen Union und der NATO um die westlich-christlichen Staaten Mittel- und Osteuropas, wie auch der Westen verpflichtet sich, die NATO nicht darüber hinaus zu erweitern, es sei denn, die Ukraine zerbricht in zwei Ländern. Zweitens: Ein Partnerschaftsvertrag zwischen Russland und der NATO soll Nichtangriff, regelmäßige Konsultationsbemühungen zur Vermeidung eines Wettrüstens und Verhandlungen über Rüstungskontrollvereinbarungen entsprechend den beiderseitigen Sicherheitsbedürfnissen nach dem Kalten Krieg verbürgen. Drittens: Der Westen erkennt die primäre Verantwortung Russlands für die Erhaltung der Sicherheit unter orthodoxen Gegenden an. Viertes: Der Westen erkennt die aktuellen und potenziellen Sicherheitsprobleme an, die Russland mit den muslimischen Völkern in seinem Süden hat, und ist bereit, den Vertrag über konventionelle Streitkräfte in Europa zu revidieren und andere Schritte Russlands zu tolerieren, die zur Abwehr derartigen Bedrohungen notwendig seien mögen. Falls es zu einem Einverständnis in diesem oder einem ähnlichen Sinne kommt, werden wahrscheinlich weder Russland noch der Westen ein längerfristiges Sicherheitsrisiko füreinander darstellen. (2)
Es liegt auf der Hand, dass diese Anerkennung Russlands als wichtiger Kulturkreis und regionale Macht in völligem Widerspruch zu Brzezinskis Auffassung von Amerika als einziger Weltmacht steht. So bot Huntington den USA und dem Westen einen alternativen, grundlegend anderen Weg zur Gestaltung der Weltpolitik im XXI. Jahrhundert an als Brzezinski, nämlich die Anerkennung Russlands als gleichberechtigten Partner beim Aufbau einer neuen Weltordnung. Diese Alternative war in den 1990er Jahren von großer Bedeutung. Huntington war der Ansicht, dass das Erbe des Kalten Krieges nicht leichtfertig über Bord geworfen werden dürfte. (3)
1. Huntington, Samuel P.: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, Wilhelm Goldmann Verlag, 2002, S. 392, 513.
2. Ebenda, S. 393.
3. Ebenda, S. 509.