Mensch ist ein Landwesen. Wasser ist die Wiege der Zivilisation

Eine von vielen Fragen, die Schmitt angesichts dieser globalen Veränderung sich selbst gestellt hatte, ist die Frage, ob wir die Kinder des Landes oder der See sind? Das ist eigentlich die erste Frage, mit der Schmitt an seine Tochter Anima in Land und Meer gewendet hat. Er beginnt seine Erzählung mit einem Schlüsselsatz: „Der Mensch ist ein Landwesen, ein Landtreter. Er steht und geht und bewegt sich auf der festgegründeten Erde.“ Gleichwohl, so Schmitt weiter, sind Wasser und Meer in tiefen, oft unbewussten Erinnerungen der Menschen der geheimnisvolle Urgrund allen Lebens. Die meisten Völker erinnern sich in ihren Mythen und Sagen nicht nur erdgeborene, sondern auch an meerentsprungene Götter und Menschen. Aphrodite, die Göttin der weiblichen Schönheit, ist aus dem Schaum der Meereswellen entstanden. Dichter, Naturphilosophen und Naturwissenschaftler suchten den Anfang aller Lebens im Wasser. Meistens nennt man den griechischen Naturphilosophen Thales von Milet (um 500 v. Chr.) als Urheber der Lehre, die den Ursprung alles Seins im Wasser findet. Schmitt fügt hinzu: „Auch in den Stammbäumen, die von darwinistischen Naturforschern konstruiert sind, finden sich Fische und Landtiere in verschiedener Reihenfolge neben und nacheinander. Lebewesen des Meers figurieren hier als Ahnen des Menschen.“ (1)

Schmitt weist auf einen deutschen Philosophen der Geografie Ernst Kapp hin, der noch von der umfassenden Gedankenwelt Hegels die Stufenfolge der Reiche von Wasser in einer „Vergleichenden Allgemeinen Erdkunde“ (1845) bestimmt hat. Kapp unterscheidet drei Entwicklungsstadien der Weltgeschichte. Sie beginnt mit der „potamischen“, d.h. der Flusskultur des Orients im Zweiströmeland von Euphrat und Tigris und am Nil, in den assyrischen, babylonischen und ägyptischen Reichen des Ostens. Ihr folgt die sogenannte thalassische Zeit einer Kultur von Binnenmeeren und Meeresbecken des Mittelmeeres, zu der die griechische und römische Antike und das mediterrane Mittelalter gehören. Mit der Entdeckung Amerikas und der Umseglung der Erde beginnt das letzte und höchste Stadium, die Stufe der ozeanischen Kultur, deren Träger germanische Völker sind. (2)

Das Dreistufenschema der Weltentwicklung „Fluss, Binnenmeer und Ozean“ hebt die Bedeutung des Wassers für die Entwicklung der Weltkulturen auf höchstes Niveau. Die Mütter der Kulturen des Altertums waren vorwiegend die großen Flüsse wie Euphrat und Tigris in Ostasien, Nil in Nordafrika, Gelbe Fluss in China oder der Ganges in Indien. Die zweite Phase der Entwicklung den Kulturen entspricht den Seefahrerkulturen (Kreta, Athen, Karthago, Rom, Venedig). Es ist bekannt, dass der Mittelmeerraum die Wiege der europäischen Zivilisation war, aber es gab auch den amerikanischen Mittelmeerraum (Karibik), in dem sich etwa zur gleichen Zeit die Maya-Kultur entwickelte. Erst im 16. Jahrhundert, nach der Entdeckung Amerikas, wird Europa zur einen ozeanischen Zivilisation, die die Entwicklung der Welt in den nächsten fünf Jahrhunderten grundlegend prägte.

Benoist spricht sogar um einer bedrückenden Tendenz der heutigen Gesellschaft, die auf eine gewisse Weise „maritim“, ozeanisch bzw. flüssig geworden ist. Er schreibt: „Das Meer kennt keine Grenzen, sondern nur wechselnde Ströme, Strömung und Gegenströmung. Und so sind wir in eine strömende Welt eingetreten: technologische Ströme, Informationsströme, Migrationsströme, Zahlenströme, Finanzströme … und die Stürme heißen dann „Krisen“. Die Logik der Strömung verwandelt die Erde in ein „unsicheres Terrain“, eine bewegliche Wüste, eine Geografie des Nirgendwo. Der Handel selbst besteht aus Strömung und Gegenströmung. … Die Globalisierung, die die Bedeutungslosigkeit von Grenzen impliziert, ist ozeanischer und maritimer Natur.“ Ebenso glaubte Carl Schmitt, dass das Element Meer einen neuen Menschentypus hervorbringt. In einem Radiogespräch mit dem Maoisten Joachim Schickel im April 1969 äußerte er: „Der terrane Mensch (also ein Mensch als Landwesen, Anm. d. Autors) ist eine andere Spezies, möchte ich beinahe sagen, als der maritime Mensch.“ (3)

Dennoch beeilt sich Schmitt nicht, die ganze Menschheit zur maritimen Gesellschaft zuzuordnen. Zur Frage, ob wir Kinder des Landes oder des Sees sind, schreibt er in Land und Meer: „Das lässt sich nicht mit einem einfachen Entweder-Oder beantworten. Uralte Mythen, neuzeitliche naturwissenschaftliche Hypothesen und die Ergebnisse frühgeschichtlicher Forschung lassen beides offen.“ (4)

1. Schmitt, Carl: Land und Meer, S. 7-10.

2. Ebenda, S. 23.

3. Benoist, Alain de: Carl Schmitts „Land und Meer“, S. 70, 72-75.

4. Schmitt, Carl: Land und Meer, S. 10.