Kulturelles Paradigma prägt die neue Weltpolitik

Im Gegensatz zu Brzezinski, der aufgrund der Anarchie, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion herrschte, die Vorherrschaft Amerikas zu seiner unvermeidlichen Pflicht erhob, ging Huntington von den vier Paradigmen der Weltpolitik nach dem Kalten Krieg aus. Huntington lehnt das „Eine Welt“-Paradigma, das nach Fukuyamas These vom Ende der Geschichte Harmonie versprach, sofort ab: Eine solche Illusion, so Huntington, würde durch zahlreiche ethnische Konflikte und „ethnische Säuberungen“ zunichte gemacht werden. „Zwei Welten“-Paradigma, das die Welt auf „Wir und Die“ teilt, etwa reiche und mächtige Länder gegen arme Gesellschaften, hielt er für Mythen, die der Westen selbst erfunden hat. Nach Huntingtons Ansicht gibt es die Einheit der nicht-westlichen Welt einfach nicht. Drittes „184 Staaten“-Paradigma, das die Nationalstaaten für die primären, ja für die einzig wichtigen Akteure des Weltgeschehens hält, liefert viel realistisches Bild von globaler Politik als das Eine-Welt- oder das Zwei-Welten-Paradigma, es trägt aber mit sich auch die Schwäche: In der modernen Welt sind Staatsgrenzen in zunehmendem Maße durchlässig geworden und die staatlichen Regierungen verlieren in erheblichen Maße die Kontrolle über die Ströme von Geld, Ideen, Technologie, Güter und Menschen. (1)

Aber auch mit dem „Reines Chaos“-Paradigma, das im Grunde der Logik der einzigen Weltmacht Amerikas liegt, ist Huntington nicht völlig zufrieden. Er weist darauf hin, dass das Bild einer weltweiten, undifferenzierten Anarchie wenig dazu beiträgt, die Welt zu verstehen. Mehr wichtiger ist innerhalb der Anarchie, die Tendenzen vorauszusagen, Arten des Chaos und deren möglicherweise unterschiedliche Ursachen und Folgen zu unterscheiden und für die Gestalter staatlicher Politik Orientierungshilfe zu entwickeln. (2)

Huntington baut die eigene Konstruktion der Weltordnung nach dem Kalten Krieg, die, wie er meint, mehr den realen Machtverhältnissen in der Welt entspricht. Es handelt sich um ein kulturelles Paradigma als Kern der neuen Weltordnung.

1. Huntington, Samuel P.: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, Wilhelm Goldmann Verlag, 2002, S. 33-41.

2. Ebenda, S. 41-42.