Huntington schreibt: „In der Welt nach dem Kalten Krieg zählen Flaggen und andere Symbole kultureller Identität wie Kreuze, Halbmonde und sogar Kopfbedeckungen; denn Kultur zählt, und kulturelle Identität hat für die meisten Menschen höchste Bedeutung. Die Menschen entdecken heute neue, aber oft eigentlich alte Identitäten und marschieren hinter neuen, aber oft eigentlich alten Fahnen im Kriege mit neuen, aber oft eigentlich alten Feinden.“ (1) Das beobachtete Huntington in Russland, aber dasselbe passierte auch in Deutschland. Nach dem Mauerfall entfaltet sich die deutsche Suche nach eigener Identität und eigenem Sonderweg neu.
„Ohne wahre Feinde keine wahren Freunde! Wenn wir nicht hassen, was wir nicht sind, können wir nicht lieben, was wir sind“, zitiert Huntington die Aussage aus Roman Dead Lagoon. „Das sind die alten Wahrheiten, die wir heute, nach dem sentimentalen Gesülze von hundert Jahren, unter Schmerzen wieder entdecken. Wer diese Wahrheiten leugnet, der verleugnet seine Familie, seine Kultur, sein Geburtsrecht, sein ganzes Ich! Das wird ihm nicht so leicht vergessen.“ Daraus zieht Huntington seine Hauptschlussfolgerung: „An der betrüblichen Wahrheit dieser alten Wahrheiten können Staatsmänner und Wissenschaftler nicht vorbeigehen. Für Menschen, die ihre Identität und ihre Ethnizität neu erfinden, sind Feinde unabdingbar, und die potenziell gefährlichsten Feindschaften begegnen uns an den Bruchlinien zwischen den großen Kulturen der Welt.“ (2)
Dies wird zum zentralen Thema der Huntingtons Untersuchung. Er schreibt: „Kultur und Identität von Kulturen, auf höchster Ebene also die Identität von Kulturkreisen, prägen heute, in der Welt nach dem Kalten Krieg, die Muster von Kohärenz, Desintegration und Konflikt.“ Die fünf Teile des Buches sollten diese Hauptaussage weiter entwickeln. Zum „Teil Eins“ gehört die Behauptung, dass die Verwestlichung etwas anderes ist als wirtschaftliche und soziale Modernisierung: Sie erzeugt weder eine universelle Kultur irgendeiner Art noch die Verwestlichung nichtwestlicher Gesellschaften. Zum ersten Mal in der Geschichte, so Huntington, ist globale Politik sowohl multipolar als auch multikulturell geworden. Im „Teil Zwei“ ist die Behauptung wichtig, dass der Westen an relativem Einfluss verliert: Nichtwestliche Kulturen bekräftigen selbstbewusst den Wert ihrer eigenen Grundsätze. Daraus folgt „Teil Drei“ als Huntingtons große Skepsis gegenüber dem Aufbau einer verwestlichten Welt: Die Bemühungen, eine Gesellschaft von einem Kulturkreis in einen anderen zu verschieben, sind erfolglos. Daher ist absolut logisch auch die Behauptung des „Teils Vier“ des Buches: Die universalistischen Ansprüche des Westens bringen ihm nur die Konflikte mit den anderen Kulturkreisen, am gravierendsten mit dem Islam und China. (3)
Das „Teil Fünf“ der Huntingtons Untersuchung klingt wie eine Vorhersage, das in der letzten Zeit, angesichts des Kampfes um Kapitol zwischen Trumpisten mit seinem Slogan „Make America Great Again“ und Demokraten mit ihrem Anspruch auf eine globale pro-westliche Weltdemokratie, besonders wichtig ist. Es ist sinnvoll, diesen Absatz vollständig zu zitieren: „Das Überleben des Westens hängt davon ab, dass die Amerikaner ihre westliche Identität bekräftigen und die Westler sich damit abfinden, dass ihre Kultur einzigartig, aber nicht universal ist, und sich einigen, um diese Kultur zu erneuern und vor der Herausforderung durch nichtwestliche Gesellschaften zu schützen. Ein weltweiter Kampf der Kulturen kann nur vermieden werden, wenn die Mächtigen in dieser Welt eine globale Politik akzeptieren und aufrechterhalten, die unterschiedliche kulturelle Wertvorstellungen berücksichtigt.“ (4)
Während des Kalten Krieges, so Huntington weiter, wurde die globale Politik bipolar und die Welt auf drei Gruppen von Ländern geteilt: wohlhabende Gesellschaften unter Führung der USA, etwas ärmere kommunistische Gesellschaften unter Führung der Sowjetunion und letztendlich ein erheblicher Teil von armen Ländern in der Dritten Welt, die erst seit kurzem unabhängig waren und für sich Bündnisfreiheit beanspruchten. Heute sind die wichtigsten Unterscheidungen zwischen Völkern nicht mehr ideologischer, politischer oder ökonomischer, sondern kultureller Art. Die Völker und Nationen versuchen, die elementarste Frage zu beantworten, vor der Menschen stehen können: Wer sind wir? Und sie beantworten diese Frage in der traditionellen Weise, in der Menschen sie immer beantwortet haben: durch Rückbezug auf die Dinge, die ihnen am meisten bedeuten. Die Menschen definieren sich über Herkunft, Religion, Sprache, Geschichte, Werte, Sitten und Gebräuche. Menschen benutzen Politik nicht nur dazu, ihren Interessen zu folgen, sondern auch dazu, ihre Identität zu definieren. „Wir wissen, wer wir sind, wenn wir wissen, wer wir nicht sind und gegen wen wir sind.“ (5)
Die Bipolarität, bemerkt Huntington, verzögerte die Entwicklung des nationalen Selbstbewusstseins der Völker, erst das Ende des Kalten Krieges setzte die kulturellen Kräfte frei. In dieser Welt werden die hartnäckigsten, wichtigsten und gefährlichsten Konflikte nicht zwischen sozialen Klassen, Reichen und Armen oder anderen ökonomisch definierten Gruppen stattfinden, sondern zwischen Völkern, die unterschiedlichen kulturellen Einheiten angehören. Huntington zählt viele blutige Konflikte in seiner Zeit: von der Intensivierung der Kämpfe zwischen Kroaten, Muslimen und Serben im früheren Jugoslawien bis blutigem Kampf der Clans in Somalia. Die Gewalt zwischen Staaten und Gruppen aus unterschiedlichen Kulturkreisen trägt den Keim der Eskalation in sich, da andere Staaten und Gruppen aus diesen Kulturkreisen ihren „Bruderländern“ zu Hilfe eilen werden. Aus dem blutigen Kampf der Kulturen in Bosnien, dem Kaukasus, Mittelasien oder Kaschmir könnten größere Kriege werden. (6)
Die Konflikte und Kriege an den Bruchlinien der Kulturkreise, die bis heute andauern, können die Huntingtons wichtigsten Schlussfolgerungen nur bestätigen. Die Ukraine-Krise oder der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan in Bergkarabach sind aktuellste Beispiele dazu. Die Hauptfrage der Gegenwart besteht eigentlich darin, welche Konzepte der Zukunft in der Lage sind, diese neuen globalen Herausforderungen, die nach dem Ende des bipolaren Kalten Krieges entstanden sind, zu überwältigen.
1. Huntington, Samuel P.: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, Wilhelm Goldmann Verlag, 2002, S. 18.
2. Ebenda, S. 18-19.
3. Ebenda, S. 19.
4. Ebenda, S. 19-20.
5. Ebenda, S. 20-21.
6. Ebenda, S. 24, 48.