Der Konflikt zwischen islamischen und westlichen Kulturen ist zugespitzt

Huntington betrachtet diesen Konflikt aus der historischen Perspektive. Der Islam ist die einzige Kultur, die das Überleben des Westens in Frage gestellt hat, und zwar gleich zweimal. Fast tausend Jahre lang – von der ersten Landung der Mauren in Spanien bis zur zweiten Belagerung Wiens in 1529 – wurde Europa durch die Türken bedroht. (1)

Beides – Islam und Christentum – sind monotheistische Religionen, die im Gegensatz zu polytheistischen Religionen (wie zum Beispiel Hinduismus und Buddhismus) nicht so leicht davon freimachen können, neue Gottheiten zu assimilieren und die Welt dualistisch in ein „wir“ und ein „sie“ aufzuteilen. Beide sind universalistisch und erheben den Anspruch, ein wahrer Glaube zu sein, dem alle Menschen anhängen sollen. Beides sind missionarische Religionen, die glauben, dass ihre Anhänger die Verpflichtung haben, Nichtgläubige zu einem wahren Glauben zu bekehren. Von Anfang an breitete sich der Islam durch Eroberung aus, und ebenso das Christentum, wenn sich eine Gelegenheit bot. Begriffe wie „Dschihad“ und „Kreuzzug“ sind nicht nur ähnlich, sondern unterscheiden diese beiden Glaubenssysteme auch von anderen großen Weltreligionen. (2)

Das Bevölkerungswachstum blieb dabei eine kontinuierliche, treibende Kraft. Die Ausbreitung des Islam im 7. Jahrhundert ging mit einer massiven, nach Umfang und Geschwindigkeit beispiellosen Migration arabischer Völker in die Länder des byzantinischen und des Sassanidenreiches einher. Die Kreuzzüge einige Jahrhunderte später waren im Großen und Ganzen das Ergebnis von Wirtschaftswachstum, Bevölkerungsexpansion und Kirchenreformen im Europa des 11. Jahrhunderts. Im 19. Jahrhundert führte ein spektakuläres Bevölkerungswachstum wiederum zu einem europäischen Aufbruch und bewirkte die größte Migration in der Menschheitsgeschichte, die sich in muslimischen wie in anderen Ländern ergoss. (3)

Eine vergleichbare Kombination von Faktoren hat Ende des 20. Jahrhunderts den Konflikt zwischen dem Islam und dem Westen zugespitzt. Während der Aufstieg Ostasiens durch spektakuläre Raten des Wirtschaftswachstums angeheizt worden ist, ist die Resurgenz des Islams durch nicht minder spektakuläre Raten des Bevölkerungswachstums angeheizt worden. Die Bevölkerungsexpansion ist in islamischen Ländern signifikant größer gewesen als in den Nachbarländern und in der Welt generell. Das hat destabilisierende Folgen für die beiden Seiten. Das muslimische Bevölkerungswachstum hat riesige Scharen junger Menschen produziert, die sich für die islamische Sache einspannen lassen, Druck auf benachbarte Gesellschaften auszuüben und in den Westen auswandern.

Junge Menschen sind die Protagonisten von Protest, Instabilität, Reform und Revolution. In der Geschichte ist die Existenz großer Massen von jungen Leuten immer wieder mit solchen Bewegungen zusammengefallen. Man hat behauptet, dass die protestantische Reformation das Beispiel einer herausragenden Jugendbewegung in der Geschichte ist. Ein demografisches Wachstum war ein zentraler Faktor bei den beiden Wellen von Revolutionen, die Mitte des 17. und Ende des 18. Jahrhunderts über Eurasien hinweggingen. Im 19. Jahrhundert wurde durch erfolgreiche Industrialisierung und durch Auswanderung der politische Einfluss jugendlicher Populationen in europäischen Gesellschaften gedämpft. Der Anteil der Jugendlichen stieg jedoch nach 1920 wieder an und lieferte faschistischen und anderen extremistischen Bewegungen ihr Rekrutierungspotential. Vier Jahrzehnte später machte die Generation des Baby-Booms nach dem Zweiten Weltkrieg in den Demonstrationen und Protesten der sechziger Jahre politisch von sich reden. Usw.

Größere Populationen benötigen mehr Ressourcen, und daher tendieren Menschen aus Gesellschaften mit dichter oder rasch wachsender Bevölkerung dazu, sich auszubreiten, Territorium zu besetzen und Druck auf andere demografisch wenig dynamische Völker auszuüben. Das aktuelle islamische Bevölkerungswachstum ist deshalb ein wesentlicher, mit ausschlaggebender Faktor für Konflikte zwischen Muslimen und anderen Völkern entlang der Grenzen der islamischen Welt. (4)

Außerdem schenkt das islamische Wiedererstarken den Muslimen neues Vertrauen in die Eigenart und die Vorzüglichkeit ihrer Kultur und ihrer Werte gegenüber jenen des Westens. Gleichzeitig erzeugen die Bemühungen des Westens um Universalisierung seiner Werte und Institutionen, Aufrechterhaltung seiner militärischen und wirtschaftlichen Überlegenheit und Einflussnahme auf Konflikte in der muslimischen Welt enorme Erbitterung unter den Muslimen. Das kehrt der Konflikt zwischen dem Islam und dem Westen erneut in grundlegenden Fragen der Macht und Kultur: Wer beherrscht wen? Auf jeden Fall werden asiatisches Wirtschaftswachstum und muslimischer Bevölkerungsdruck in den kommenden Jahrzehnten zutiefst destabilisierende Auswirkungen auf die etablierte, westlich dominierte internationale Ordnung bzw. auf das globale Machtgleichgewicht haben. (5)

So stellt Huntington neben den Ostasien auch die islamische Welt als die größte Herausforderung für den Westen dar. Es gibt, wie er bemerkt, keine dominierte Spaltung in der Welt, wie sie im Kalten Krieg existierte, aber solange der demografische Aufschwung der Muslime und der wirtschaftliche Aufschwung Asiens fortdauern, werden die Konflikte zwischen dem Westen und dessen Herausforderern zentraler für die globale Politik sein als andere Trennungslinien. Unter diesen Bedingungen wird die konfuzianisch-islamische Schiene fortbestehen und vielleicht sogar fester und breiter werden. Für diese Verbindung ist die Kooperation von muslimischen und sinischen (chinesischen) Gesellschaften beim Widerstand gegen den Westen von zentraler Bedeutung gewesen. (6)

1. Huntington, Samuel P.: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, Wilhelm Goldmann Verlag, 2002, S. 335-336.

2. Ebenda, S. 337.

3. Ebenda, S. 337.

4. Ebenda, S. 338, 180-182, 187.

5. Ebenda, S. 182, 188, 338-339.

6. Ebenda, S. 387.