China ist auf dem Weg, eine dominierende Macht in Ostasien zu werden

Dieses Ziel ist das natürliche Resultat seines rapiden Wirtschaftswachstums. Huntington bemerkt: Alle Großmächte – Großbritannien und Frankreich, Deutschland und Japan, die USA und die Sowjetunion – haben gleichzeitig mit oder unmittelbar nach ihrer rapiden Industrialisierung und ihrem wirtschaftlichen Aufschwung Expansion nach außen, Selbstbewusstsein und Imperialismus demonstriert. Es gibt, nach Huntington, keinen Grund für die Annahme, der Erwerb wirtschaftlicher und militärischer Macht werde in China keine vergleichbaren Folgen haben. Seine Geschichte und Kultur, seine Traditionen, seine Größe und wirtschaftliche Dynamik und sein Selbstverständnis treiben China dazu, eine Hegemonialstellung in Ostasien anzustreben. Sofern China das hohe Niveau seines Wirtschaftswachstums im 21. Jahrhundert halten kann, in der Ära nach Deng seine Einheit wahrt und nicht durch Nachfolgekriege lahmgelegt wird, wird es wahrscheinlich versuchen, das letztgenannte Ergebnis zu realisieren. (1)

Ob es damit Erfolg hat, bemerkt Huntington, hängt von der Reaktion der anderen Spieler im ostasiatischen Machtpoker. Mit seinen sechs Kulturkreisen, achtzehn Ländern, rapide wachsenden Volkswirtschaften und den großen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Unterschieden zwischen seinen Gesellschaften könnte Ostasien frühen 21. Jahrhundert seine internationalen Beziehungen auf jede beliebige von mehreren ganz verschiedenen Weisen gestalten. Vorstellbar wäre zum Beispiel die Entstehung eines extrem komplizierten Geflechts von Kooperations- und Konfliktbeziehungen zwischen den meisten der Groß- und Mittelmächte der Region. Oder es könnte ein multipolares internationales Großmachtsystem Gestalt annehmen, in welchem China, Japan, die USA, Russland und möglicherweise Indien einander die Waage halten und miteinander konkurrieren. Als Alternative hierzu könnte die ostasiatische Politik auch von einer anhaltenden bipolaren Rivalität zwischen China und Japan oder zwischen China und den USA beherrscht werden, wobei andere Länder sich mit einer Seite verbündeten oder für Bündnisfreiheit optieren. (2)

Auf dem Beispiel des Ostasiens formuliert also Huntington die mögliche Konstruktion einer neuen Weltordnung: das multipolare internationale Großmachtsystem, wo die Großmächte einander die Waage halten. Doch er erstreckt nicht solches System auf die ganze Welt: zu groß ist seine Befürchtung von einer Verschiebung des Machtgleichgewichts zugunsten Chinas. Er meint, dass das asiatische Modell der Machthierarchie, das sich auf konfuzianischen Visionen von einer sorgfältig gegliederten hierarchischen Gesellschaft beruht, sich in der internationalen Politik dramatisch vom europäischen Modell des Machtgleichgewichts unterscheidet. Nach traditioneller chinesischer Weltsicht, so Huntington, gibt es nicht zwei Sonnen am Himmel, es kann nicht zwei Kaiser auf Erden geben. Infolgedessen hegten die Chinesen nie Sympathien für multipolare oder auch nur multilaterale Sicherheitskonzepte. Ein funktionierendes System des Machtgleichgewichts, wie es historisch für Europa kennzeichnend gewesen ist, war Asien fremd. Da China die USA als seinen Hauptfeind definiert hat, wird Amerika dazu tendieren, als primäres Gegengewicht aufzutreten und die Eindämmung Chinas zu verfolgen. Eine solche Rolle zu spielen, entspräche traditionellen Interessen der USA, in Europa oder Asien die Vorherrschaft einer einzigen Macht zu verhindern. Es liegt sogar im amerikanischen Interesse, auf die Möglichkeit eines Krieges vorbereitet zu sein, um eine chinesische Vorherrschaft in Ostasien zu verhindern. (3)

So formuliert Huntington eine sehr wichtige Voraussetzung für die friedliche und harmonische Weltordnung in der Zukunft: Beibehaltung des Machtgleichgewichts nach europäischer Tradition. Nun wird seine These über die Lokalpolitik, die die Politik der Ethnizität ist, und über die Weltpolitik, die Politik von Kulturkreisen ist, mehr deutlich. Die Kulturkreise, also die Zivilisationen benehmen sich als die großen Imperien (römische, asiatische und noch welche), die in inneren Politik zur einheitlichen kulturellen Identität, zur Beruhigung allen Konflikten und zum friedlichen Zusammenleben anstreben, während in der Außenpolitik ist für sie das Machtgleichgewicht die beste Option.

1. Huntington, Samuel P.: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, Wilhelm Goldmann Verlag, 2002, S. 369-371.

2. Ebenda, S. 369-370.

3. Ebenda, S. 375-376, 379-380.